Dak'Art 2016

Rezept für die Bündnisfreien

Der in Mumbai lebende Kurator Sumesh Sharma gehört zum kuratorischen Team der Dak’Art 2016. Mit ContemporaryAnd spricht er über seine Kollaborationen und den Gedanken der Urheberfreiheit.

Amol Patil, Flat Road  metal cars models  2016, courtesy of the artist

By Aïcha Diallo
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C&: 2010 warst du Mitgründer der Clark House Initiative in Mumbai. Erzähl uns ein bisschen darüber, wie es anfing und welche Vision dahinter steht.

Sumesh Sharma: Clark House wurde 2010 von Zasha Colah und mir als kuratorisches Gemeinschaftsprojekt gegründet. Clark House befindet sich unweit eines Rondells in der Nähe des Hafens in Mumbai. Im Umkreis liegen die Polizeihauptwache, ein von den scheidenden Kolonialisten errichtetes Museum und eine Galerie für moderne Kunst. Wir waren in einer nicht mehr genutzten Versandstelle untergebracht und teilten uns die Räume mit Aktenschränken und Lagerräumen sowie vielen anderen Menschen, die diese Räume zu ihrem Zuhause gemacht hatten. Dieser Internationalismus wurde ein Teil unserer Zielsetzung, weil wir die dort zurückgelassenen Geschichte(n) nicht stören wollten. Hinzu kommt, dass unser Raum gleich nach einer lähmenden globalen Rezession entstand – Institutionen interessierten sich für politische oder experimentelle Praxen und die Akteure des Kunstmarkts hielten sich an das, was sie kannten. In Indien gab es viele Barrieren – zum Beispiel stand das Nicht-Beherrschen der englischen Sprache zwischen dir und der Kunstszene.

Von Anfang an hatten wir ein sehr enges Verhältnis mit der Kunstschule Sir JJ School of Art, ihrem Atelier für Drucktechnik sowie Prof. Anant Nikam, dessen Studierende, beispielsweise Bonde und Nikhil Raunak, Gründungsmitglieder von Clark House wurden. Es ist zu einer Künstlervereinigung und einem Kollektiv geworden, in dem unsere persönlichen Visionen durch das Ausstellungsmachen zusammenkommen. Schwerpunkte meiner Arbeit waren die Unterstützung von Migration, alternative Kunstgeschichte, Konzeptkunst ohne Konzeptästhetik sowie das Verstehen der Realpolitik durch Kultur.

Heute haben wir eine gemeinsame Vision, die ein Kunstsystem anstrebt, das in Bezug auf „Rasse“, Gender und Sprache gleichberechtigt und mehrdeutig ist. Wir wollen in einer Region leben, die wirklich frei ist vom Unbehagen des Kastensystems und der Unberührbarkeit, wo nicht erzählte Geschichte endlich erzählt wird. Unsere Politik liegt in unserer Produktion, in unserer Verbreitung und unserem Internationalismus.

 

Naresh Kumar, Combustion, Drawing on Magazine pages ( political and social, concerns Magazine called Janta ) , tracing, paper, Turmeric, powder,water color etc . 2016

Naresh Kumar, Combustion, Drawing on Magazine pages ( political and social, concerns Magazine called Janta ) , tracing, paper, Turmeric, powder,water color etc . 2016

C&: Siehst du zwischen Afrika und Südasien irgendwelche Verbindungen und Perspektiven?

SS: Ich glaube nicht an Südasien. Afrika wurde in der graeko-römischen Kultur für Tunesien verwendet. Wir müssen die Rolle anerkennen, die Temperatur, Klima und Geografie in der Kultur spielen. In unserer heutigen Welt können wir in Vancouver leben, während wir durch Skype, YouTube, Facebook und internationale Telefonkarten im Pandschab verankert sind.

Mumbai und Cochin – wo ich herkomme – sind beides Hafenstädte an der Westküste Indiens, die auf Afrika blicken. Afrika hat uns Musik, Kokosnüsse, Essen durch die Portugiesen geschickt, sowie unsere spirituelle Orientierung. Somalia teilt mit uns die Küche. Wir haben mehr Gemeinsamkeiten mit jemandem aus Mosambik oder Sansibar als mit jemandem, der an der Grenze zwischen Indien und Tibet lebt. Da wir anders aussehen – und auch das ist fraglich – sehen wir keine natürliche Affinität zu Afrika, aber nur wenigen ist bekannt, dass die größte indische Diaspora, die auf irgendeinem Kontinent lebt, in Afrika ist, insbesondere in Südafrika.

Ja, wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit Menschen vom afrikanischen Kontinent, doch nicht in Form irgendwelcher Projekte, da uns bewusst ist, dass Indien und China in Westafrika ein neokoloniales Projekt verfolgen. Vielmehr holen wir uns Inspiration aus dem Gedanken von Black Consciousness und einem Vokabular eifrigen Protests gegen alles, das sich dazu verschworen hat, bestimmte Entwicklungen aufzuhalten.

 

Yogesh Barve, Under the microscope, in reality' Plunger, _ _ _ _ _ _   _ _ _ _, adhesive. 2016, courtesy of the artist

Yogesh Barve, ‚Under the microscope, in reality‘ Plunger, _ _ _ _ _ _   _ _ _ _, adhesive. 2016, courtesy of the artist

C&: Du interessierst dich für die Migrantenkultur in frankophonen Kontexten. Inwiefern?  

SS: Ich bin praktisch in Frankreich erwachsen geworden. Ich hatte ein Stipendium für eine Universität in Aix-en-Provence und lebte mit sehr bescheidenen Mitteln. Davor hatte ich nie Französisch gelernt, ich habe es auf der Straße gelernt – mein Freund Omar Fassatoui nannte mich immer einen Papagei. In meinem Studentenwohnheim in Aix lebten vor allem Studierende aus Westafrika und dem Maghreb. Frankreich öffnete mir eine Tür zu Afrika, so wie ich es in einer anglophonen Umgebung nie erlebt hätte. Ich schloss mich einer Gruppe an, die sich für Politik interessierte, und verbrachte Zeit mit vielen der jungen Aktivisten des Arabischen Frühlings bei einigen Flaschen Rosé. Ich erinnere mich auch, dass ich mit meinen Freunden Victor Mako und Cheick Diaby ins Centre Georges-Pompidou in Paris ging, um das kostenlose Internet zu nutzen. Damals war alles so prekär, dass wir uns die Fahrkarte für die Rückfahrt in die Vororte kaum leisten konnten, daher kamen Eintrittskarten für Museen gar nicht in Frage. Es gab eine hohe Mauer, die zwischen mir und meinem Traum stand, Kurator zu werden. Was die Zugangsschranken in Frankreich betrifft, gibt es viele Parallelen zu unserem Kastensystem. Es ist gekennzeichnet von beklagenswerten oder gar nicht existierenden Chancen, und heute sind diese Themen wesentlich verbindlicher und dringlicher. Meinen Freunden habe ich es zu verdanken, dass sie mein Interesse anstachelten, und mir selbst habe ich es zu verdanken, dass ich durch die Türen ging, die mir Organisationen wie die Kadist Art Foundation, Beton Salon und viele andere öffneten.

Immigration ist keine Chance, sondern eher ein Grundrecht. Jede Spezies migriert, und die Migrantenkultur macht einen Ort lebendig. Meine Heimatstadt Mumbai geht aufgrund der provinziellen anti-migrantischen Fremdenfeindlichkeit und Politik dem sicheren Tod entgegen. Und ich glaube, als Kurator ein Migrant zu sein, ist das Beste, was man sein kann.

 

Saviya Lopes, Yes,she is a virgin' , Thread and adhesive on wood 2016, courtesy of the artist

Saviya Lopes, Yes,she is a virgin‘ , Thread and adhesive on wood 2016, courtesy of the artist

C&: Du gehörst zum kuratorischen Team der diesjährigen Dak’Art. Was sind deine Schwerpunkte?

SS: Simon Njamis Vision der Bündnisfreiheit als Strategie für ein Kunstsystem, das sich gegen die Gleichgültigkeit der Kunstinstitutionen und des Kunstmarkts wendet, ist ähnlich wie der Ansatz von Clark House. Meine Ausstellung ist weder ein Indien-Pavillon noch vertrete ich Indien – tatsächlich besteht die größte demografische Gruppe in der Ausstellung möglicherweise aus französischen Männern mittleren Alters. Ich präsentiere fünf Gemeinschaftsarbeiten, die die Moderne im Sinne der Architektur und Ästhetik einer Zeit nachahmen, die sowohl in Bezug auf Modernität als auch Solidarität richtungsweisend war. Indien ist in keiner Weise solidarisch mit Afrika, wir verachten AfrikanerInnen, weil wir dieselbe Hautfarbe haben – und wir sind nicht stolz darauf, Schwarz zu sein. Alle paar Monate erleben wir das öffentliche Lynchen eines afrikanischen Studierenden oder einer afrikanischen Frau, die die Straße überquert. Angesichts dieser Vorfälle bin ich immer völlig erschüttert und wütend, aber auch wenn ich dumme, ignorante Vorurteile über Afrika höre. Die Kollaborationen spiegeln den Gedanken echter Freundschaft wider, und die Arbeiten wurden alle von Menschen in ihren Koffern hierher gebracht. Kemi Bassene, Ouso Chakola und Aurélien Froment stellen hier die Werke von ungefähr 30 KünstlerInnen zusammen, und sie sind nicht mit ihnen im Gespräch, daher passiert der kreative Prozess in dem Maße, wie sich Situationen und Gelegenheiten ergeben.

Mein Projekt ist eine Kritik des Handels in Afrika, insbesondere wenn er neokolonialistische Interessen verfolgt. Ich möchte den Handel jedoch nicht dämonisieren, denn mein Projekt basiert sogar auf den Lebensgeschichten tausender Sindhi-Händler, die Sukkur (heute in Pakistan) verließen, um sich in Westafrika als Händler eine Existenz aufzubauen. Sie wurden Sindhwarkis oder Sindhi-Kunsthandarbeiter genannt, da ihre erste Handelsware Textilien waren. Sie nahmen die Staatsbürgerschaft der jeweiligen Länder an, in denen sie lebten, während ihre Herzen für Mumbai schlugen, nachdem sie Pakistan nach der Teilung verlassen hatten.

Ich erforsche die Möglichkeit der Urheberfreiheit als Option für die Bündnisfreien. Die Gemeinschaftsarbeit ist das Rezept für Urheberfreiheit und eine politisch nachhaltige Kunstpraxis. Ethisch befindet es sich außerhalb der Kunstfabriken unserer Zeit und den Mega-Budgets der Museen, die von Kunstgalerien finanziert werden.

 

 

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Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

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