Die Geschichte des „kolonialen Gespenstes“

Die Zeit einholen

Eine vergnügte Aggressivität umgibt Pascale Marthine Tayous plastische Arbeit, die in diesem Frühjahr den Raum der ifa-Galerie einnimmt.

Installation view 'Kolmanskop Dream' by Pascale- Marthine Tayou, ifa galerie Berlin, Detail © Elsa Guily

By Elsa Guily
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Die Ausstellung „Kolmanskop Dream“ eröffnet das von Alya Sebti initiierte Forschungs- und Ausstellungsprogramm Untie to tie, das die Schnittstellen von künstlerischen und gesellschaftlichen Diskursen über koloniale Strukturen in zeitgenössischen Realitäten auslotet.

Dieses erste Kapitel  ist eine Hommage an den Tout-Monde-Gedanken des Dichters und Philosophen Édouard Glissant, der sich mit seinem Werk um ein Neudenken der Globalisierung (im 20. Jahrhundert) in Form einer rhizomatischen Beziehung zwischen Kultur und Ort bemüht hat. Wenn wir Kulturen bejahen, die vielfältige Kontakte untereinander haben, können Glissant zufolge Umbrüche stattfinden, die unser Imaginäres erneuern und uns zu der Erkenntnis verhelfen, dass wir durch eine Öffnung gegenüber dem Anderen nicht unsere Identitäten aufgeben (1).

Installation view ‚Kolmanskop Dream‘ by Pascale- Marthine Tayou, ifa galerie Berlin, Detail © Elsa Guily

Mit dieser Einzelausstellung lässt Pascale Marthine Tayou die Besucher in eine mentale Skulptur der alten deutschen Kolonialstadt Kolmanskop eintauchen, die zu einer Geistertopografie in der Namib-Wüste geworden ist, dem Relikt einer an Gedächtnisschwund leidenden, im Sand vergrabenen Kolonialgeschichte. Tayou verwebt hier Analogien, kontrastierende Konstellationen, in denen sich physische und psychische Materialien vermischen, um die Welt der Vorurteile zu entwirren und sie von unangebrachten Ideen abzubringen, die Alterität schaffen. Er tritt exotisierenden Stereotypen über Afrika entgegen, indem er sich spöttisch als Verantwortlicher einer Zelle namens „Archäologie der Kolonien des großen wilden Nordens“ (2) geriert und die Situation insofern umkehrt, als er selbst zum Erforscher von Sammlungen und kolonialer Vermächtnisse eurozentrischer Gesellschaften wird. Tayous Arbeit ist eine metaphorische Intervention in die Zukunft dieser Formen. Er stellt die Diagnose zwischen abgeschlossener und nicht abgeschlossener Vergangenheit; er zeichnet den Bindestrich zwischen Präsens, Vergangenheit, Futur und ungewisser Zukunft nach, indem er die Unschuld zur Quelle allen potenziellen Wissens macht (3).

Ist das Argument des Stärkeren immer das beste? fragt sich Tayou. Versteht er unter Argument Daseinsberechtigung? Ein rationelles Argument? Fest steht, dass er uns als exemplarischer Botschafter der Kreation Tout-Monde dazu auffordert, die Beziehung als Poetik des Seins im aktiven Sinne des Wortes zu verstehen, wie Edouard Glissant es tat (4). Er fragt uns, wie wir kollektiv die Auswirkungen des Kolonialerbes angehen wollen. Wie können wir sie zeigen? Welche Herausforderungen ergeben sich aus einer solchen Neuanordnung?

Ich möchte endlich für Sie die Zusammenfassung der Geschichte des ‚kolonialen Gespenstes’ flüstern, den Baum von gewissen meiner Übel befreien, die Tag und Nacht in unserem kollektiven Gedächtnis umherstreifen, von der Angst und Ungerechtigkeit sprechen, ohne neue Opfer zu fordern, einige Zeilen der Geheimnisse enthüllen, die in dem Büchlein auf meinem Nachttisch versteckt sind, das Herz meiner Chöre ohne irgendeinen Groll singen lassen, Sie sich selbst offenbaren…“ Pascale Marthine Tayou (2).

Um die Geschichte von Kolmanskop zusammenzufassen, hat Tayou Pfähle wie Buntstifte angespitzt, die an einer langen Wand befestigt sind und drohend in den Raum ragen. Die Holzfiguren zwischen ihnen betonen, wie wichtig es ist, gewisse kulturelle Repräsentationen zu verfremden, die von jenen initiiert wurden, welche lange glaubten, so sehr mit der Ausübung von Macht im Recht zu sein, weil sie die Identität eines Anderen reduzierten und Kulturen geschichtlich zerstörten.

Pascale Marthine Tayou, Branches of life 2014, ifa galerie Berlin. Photo © Elsa Guily

Ein Sandhaufen auf dem Boden deutet das Begraben der Vergangenheit an. Unter die Sandkörner mischen sich glitzernde Plastiksteinchen und Pailletten, die an die märchenhafte Welt von Industriespielzeug erinnern. Denn Tayou will nichts verbergen, er zeigt uns einen glitzernden Traum des Wanderns auf den Spuren einer gemeinsamen Geschichte (5). Ganz am Ende des Raums befindet sich eine Installation aus zwei Ästen, von denen Kristallköpfe mit gehäkelten Mützen, Körnerketten, Federn und andere Stoffresten hängen – ganz so, wie es ihr Schöpfer vorsah. Sie verweisen auf die spekulative Verwendung von Waren wie Masken in Westafrika, die Träger phantasmagorischer „Machtfiguren“ sind. Diese Masken gehen keineswegs auf eine authentische lokale Tradition zurück, sondern symbolisieren vielmehr den Wandel der Welt und legen Zeugnis ab von unseren modernen Ritualen.

Die Pflöcke mit ihren farbigen Enden bohren sich einen Weg hin zum Meeting Point, in dem sich das Center of Unfinished Business befindet. Eine Bibliothek, deren Metallkonstruktion einen panoptischen Forschungsapparat umrahmt, lädt die Besucher dazu ein, sich aktiv mit der Präsentation und ihren Inhalten auseinanderzusetzen und so das Schreiben von Kolonialgeschichte aus einer neuen Perspektive zu betrachten. An den Seiten befinden sich Hörstationen von Saout Radio, die uns in ein einstündiges Klangpanorama eintauchen lassen und den Identitätsbegriff anhand von verschiedenen Sprachen, Formaten und Wertvorstellungen in den Blick nehmen.

Installation view ‚Kolmanskop Dream‘ by Pascale- Marthine Tayou, ifa galerie Berlin, Detail © Elsa Guily

Im Zentrum der Ausstellung ragt eine Wolke aus Stacheldraht wie eine psychische Bedrohung auf. Einen Fuß in diesen Raum zu setzen verlangt denjenigen, die dieses Abenteuer wagen, die Bereitschaft ab, ihr Wesen, ihr Wissen, ihre Erfahrungen zu destabilisieren und sie mit allen zu teilen, erklärt uns Tayou, um ohne Angst von der Ungerechtigkeit zu sprechen, die hinter gewissen Symbolen unserer gemeinsamen Geschichten steckt. So erinnert uns das Saout Radio: Wir existieren, weil wir in Beziehung zum Anderen stehen. „Kolmanskop Dream“ lässt Glissants Philosophie zirkulieren und verleiht der Arbeit eine Geste, welche die Klischees über Erbe als Konstruktion von Identitäten und von Territorien dekonstruiert.

 

ANMERKUNGEN

Édouard Glissant, Traité du Tout-Monde, éditions Gallimard, 1997, S. 249. (deutsch: Traktat über die Welt, Verlag Das Wunderhorn, 1999)

Pascale Marthine Tayou, Cahier préparatoire à l’exposition Collection Privée, Ausstellungskatalog 2011, éditions Actes Sud/Parc de la Villette.

Pascale Marthine Tayou, 2011, S. 50.

Steigen wir die Erzählung in unsere Gegenwart hinab und stoßen wir mit ihr vor ins Morgen! Graben wir in dem Leid hier, um dem vorzubeugen, das noch kommen wird.“ Édouard Glissant, Traktat über die Welt, 1999, 54.

„Diese Geschichte ist aus Erde und aus Worten fabuliert, um von den Missständen zu sprechen und Hilfe zu finden, ich spreche von Strass-Schmuck und von Golddraht, weil das Schaffen von Geschichten meine Goldgrube ist, die Geschichte eines mühevollen Lebens weit entfernt von den Kindheitsträumen“, Pascale Marthine Tayou, 2011, S. 3.

 

Elsa Guily ist Kunsthistorikerin und arbeitet als unabhängige Kritikerin in Berlin. Ihr Schwerpunkt sind die Beziehungen zwischen Kunst und Politik.

 

Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Kotte.

 

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