Ausstellungsgeschichte(n)

Seven Stories about Modern Art in Africa

In dieser Serie kommt C& noch einmal auf die am meisten diskutierten, geliebten, gehassten, zum Nachdenken anregenden und wegweisenden Ausstellungen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven präsentierten. Wir machen weiter mit der Ausstellung Seven Stories about Modern Art in Africa.

Installation views of Seven Stories about Modern Art in Africa exhibition held at the Whitechapel Gallery, 27 September – 26 November 1995. Courtesy of Whitechapel Gallery, Whitechapel Gallery Archive

By Julia Friedel
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Im Jahr 1995 drehte sich in über 25 Städten Großbritanniens alles um Afrika. Große Institutionen, wie die Tate Gallery in Liverpool oder das Victoria and Albert Museum in London widmeten sich im Rahmen des Festivals africa95 der Kunst und Kultur des Kontinents. Eine der einflussreichsten Ausstellungen dieses Spektakels war Seven Stories about Modern Art in Africa. In der Whitechapel Gallery in London erzählte die Kuratorin Clémentine Deliss gemeinsam mit afrikanischen Co-KuratorInnen gleich mehrere Geschichten zum zeitgenössischen Kunstgeschehen in Afrika.

 

Konzept und Kritik

Insgesamt drei Jahre arbeiteten die InitiatorInnen am Programm des Festivals africa95. Eine wesentliche Voraussetzung der Projektentwicklung waren intensive Seminare und Workshops mit afrikanischen KünstlerInnen, die die Events zu Musik, Literatur, bildender Kunst und Performance aktiv mitgestalteten. Dieser Dialog bildete auch das Fundament der Ausstellung Seven Stories about Modern Art in Africa – deren Titel Teil des Konzepts war. Der Antrieb für Clémentine Deliss war nicht die eine kuratorische Erzählung über „zeitgenössische afrikanische Kunst“. Sie wollte Pluralität, keine abgeschlossene Geschichte, sondern Fragmente und persönliche Sichtweisen: „The exhibition is not intended to be comprehensive or complete in its narratives, but invites the audience to experience a small part of the conceptual and aesthetic manifestations of the visual arts in Africa during the second half of the twentieth century.“[1]

In Zusammenarbeit mit fünf Co-KuratorInnen sollte Seven Stories den historischen Werdegang zeitgenössischer Kunstpraxis in Afrika von mehreren Standpunkten aus erschließen. Jeder der KuratorInnen widmete sich einer bestimmten Region und definierte ihre wichtigsten künstlerischen Strömungen. Heraus kam eine Ausstellung mit Werken von insgesamt 61 KünstlerInnen aus sieben Ländern, die in fünf Teilgeschichten zusammengefasst waren: In der Sektion Nigeria ging es dem Künstler und Kurator Chika Okeke um den Einfluss der Zaira Art Society und der Nsukka-Schule auf das moderne Kunstschaffen. Professor Salah Hassan zeigte spirituelle Arbeiten aus dem Sudan und Äthiopien, während der Künstler, Kurator und Aktivist El Hadji Sy in der Sektion Senegal das Kollektiv Laboratoire Agit’Art in Form einer Mixed-Media-Installation präsentierte. David Koloane, Künstler und Kurator, stellte Arbeiten aus Südafrika vor, die im Rahmen des Apartheid-Regimes entstanden und auch die Zukunft des Landes thematisierten. Wanjiku Nyachae, die als Beraterin und Coach tätig ist, kuratierte die Sektion Kenia und Uganda. Sie wählte Malereien aus, die sich mit sozialen Belangen und politischen Ereignissen, wie der brutalen Herrschaft Idi Amins in Uganda, auseinandersetzten.

 

Installation views of Seven Stories about Modern Art in Africa exhibition held at the Whitechapel Gallery, 27 September – 26 November 1995. Courtesy of Whitechapel Gallery, Whitechapel Gallery Archive

Deliss entschied sich bei der Auswahl ihrer PartnerInnen gezielt auch für KünstlerInnen, deren Expertise und persönliche Erfahrung einen individuellen Zugang zur Materie bieten sollten.[2] Mit dieser Taktik wollte sie einen echten Dialog über modernes Kunstschaffen in Afrika vorantreiben, der vom Expertenwissen der KünstlerInnen nur profitieren konnte. Sie distanzierte sich deutlich von Ausstellungen wie Magiciens de la Terre oder Africa Explores und deren Beitrag zur Aufrechterhaltung einer quasi-primitiven „Volkskunst“ in außereuropäischen Kulturen. Seven Stories dagegen sollte akademisch ausgebildeten KünstlerInnen eine Plattform bieten und ihr Schaffen im vielschichtigen Kontext von Herkunft, Exil und Diaspora betrachten.[3]

Wie anderen Ausstellungen zuvor blieben auch Seven Stories about Modern Art in Africa die Beanstandungen nicht erspart. Die Ausführung des kuratorischen Konzepts war vielen KritikerInnen zu lasch und uneindeutig: „Clémentine Deliss (…) could not decide whether what she wanted to tell was one story, her story, five stories or seven.”[4]Wo war die kuratorische Linie, der stützende Leitgedanke, der Standpunkt zu kunsthistorischen und postkolonialen Fragestellungen, die diese Ausstellung von ihren Vorgängern unterscheiden sollte?[5] Okwui Enwezor wies zu Recht darauf hin, dass trotz der Schwerpunktlegung auf akademische Kunst, fast ausschließlich Werke von KünstlerInnen des Kontinents gezeigt wurden, während diasporische Kunstschaffende außen vor blieben.[6] Vor allem aber zweifelten KritikerInnen die Expertise der ausgewählten KuratorInnen stark an: Beispielsweise wurde kritisiert, dass Wanjiku Nyachae in der Sektion Kenia der Perspektive europäischer Galerien in Nairobi verfallen sei und dementsprechend vor allem gefällige Mainstream-Kunst präsentiert habe; und die Auswahl der Arbeiten von nigerianischen Kunstschaffenden wurde aufgrund ihrer enormen Menge als beliebig und unausgegoren bewertet. Am heftigsten jedoch diskutierte man darüber, wie El Hadji Sy das kuratorische Konzept umsetzte, denn scheinbar lobpreiste er lieber seine eigenen Werke, als künstlerischen Zeitgenossen Tribut zu zollen.[7].

In der Tat verwässerten diese Unzulänglichkeiten der KuratorInnen die eigentliche Intention der Schau. An persönlicher Prägung mangelte es den verschiedenen Sektionen sicher nicht – es fehlte vielmehr der rote Faden. Deliss’ Ausstellungskonzept war schlichtweg zu schwach, die verschiedenen kuratorischen Perspektiven zusammenzuhalten.

 

Relevanz

„What is it, for instance, to be an African? It is something I know nothing about; or, at least, it is a thousand things.“[8]

Wer das eine Afrika sucht, der wird scheitern. Durch diese schlichte Erkenntnis eröffnete Seven Stories about modern Art in Africa – trotz mancher Mängel – ein neues Kapitel über Ausstellungen zum künstlerischen Diskurs in Afrika. Hier wurde endlich der Versuchung widerstanden, diesen Kontinent durch vorschnelle Hypothesen und lineare Floskeln zu beschreiben. Stattdessen ging es Deliss um die Vielschichtigkeit, die schier unendlichen Geschichten, die man über zeitgenössische Kunst in Afrika erzählen kann. Seven Stories demonstrierte die Notwendigkeit, ein Nebeneinander von Perspektiven und Ansätzen zuzulassen, um nicht einer oberflächlichen und unweigerlich verfälschten Geschichte zu verfallen. Die Zusammenarbeit mit KuratorInnen aus Afrika markierte dabei einen deutlichen Unterschied zu diversen Vorgängerausstellungen. Sie hatten Einfluss auf den experimentellen Verlauf der Schau und trieben damit postkoloniale Fragestellungen, wie die Problematik der Repräsentation, voran. Die Auswahl etlicher KünstlerInnen mit einer akademischen Ausbildung korrigierte zudem das stereotype Bild des traditionellen Künstlers, wie es beispielsweise bei Magiciens de la Terre noch vorherrschte. Als erste Kuratorin einer europäischen Ausstellung zum Thema afrikanische Kunst gab Clémentine Deliss den Respekt, die Souveränität und das Mitspracherecht an afrikanische KuratorInnen und Kreative weiter: Kunstschaffende und ihre Arbeit waren bei Seven Stories about Modern Art in Africa nicht mehr nur Objekte, die durch eine „westliche“ Institution präsentiert wurden; sie waren nun selbst GestalterInnen und BotschafterInnen ihrer eigenen Kunstgeschichte.[9]

 

Beteiligte KünstlerInnen:

Mohammed Abdalla (Sudan), Bill Ainslie (Südafrika), J.B. Alacu, El Anatsui (Nigeria), Kevin Atkinson (Südafrika), Elizabeth Atnafu (Äthiopien), Godfrey Banadda (Uganda), A. K. Birabi (Uganda), Rebecca Bisaso (Uganda), Skunder Boghossian (Äthiopien), Jerry Buhari (Nigeria), Norman Catherine (Südafrika), Gebre Kristos Desta (Äthiopien), Achamyeleh Debela (Äthiopien), Rashid Diab (Sudan), Ndidi Dike (Nigeria), Erhabor Emokpae (Nigeria), Ibrahim El Salahi (Sudan), Ben Enwonwu (Nigeria), Meek Gichugu (Kenia), Girmay H. Hewit (Äthiopien), Robert Hodgins (Südafrika), Kamala Ibrahim Ishaq (Sudan), Jacob Jari (Nigeria), B. K. Kaunda (Kenia), Souleymane Keita (Senegal), Abdel Basit El Khatim (Sudan), David Koloane (Südafrika), Wosene Kosrof (Äthiopien), Ezrom Legae (Südafrika), Leonard Matsoso (Südafrika), Severino Matti (Sudan), Kagiso Pat Mautloa (Südafrika), Dumile Mhlaba (Südafrika), Peter Mulindwa (Uganda), M. K. Muwonge (Uganda), Hassan Musa (Sudan), Sybille Nagel (Südafrika), Jenny Namuwonge (Uganda), Sam Ntiro (Uganda), Sam Nhlengethwa (Südafrika), Amir Nour (Sudan), Gani Odutokun (Nigeria), Olu Oguibe (Nigeria), Chika Okeke (Nigeria), Uche Okeke (Nigeria), Bruce Onobrakpeya (Nigeria), Richard Onyango (Kenia), Joel Oswaggo (Kenia), Tayo Quaye (Nigeria), Issa Samb (Senegal), Kefa Sempangi (Uganda), Pilkington Ssengendo (Uganda), Ignatius Sserulyo (Uganda), Paul Stopforth (Südafrika), Etale Sukuro (Kenia), El Hadji Sy (Senegal), Obiora Udechukwu (Nigeria), Sane Wadu (Kenia), Osman Waqialla (Sudan), Zerihun Yetmgeta (Äthiopien)

 

Julia Friedel ist Forschungskustodin für Afrika am Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main und  Autorin. Sie studierte Afrikanistik mit den Schwerpunkten Sprachen, Literatur und Kunst (in Bayreuth) und Kuratieren (in Frankfurt am Main).

 

Weiterführende Literatur:

Clémentine Deliss, 1995: “7+7=1: Seven stories, seven stages, one exhibition”;

in: Clémentine Deliss, 1995. Seven Stories about Modern Art in Africa, Paris: Flammarion, S. 13-27.

 

Okwui Enwezor, 1996: Occupied Territories

http://www.frieze.com/article/occupied-territories

 

Everlyn Nicodemus, 1995a: Art and Art from Africa. The Two Sides of the Gap

http://asai.co.za/jdownloads/From%20the%20Third%20Text%20Archives/Mud%20Times/5._mudtimes.pdf

 

Everlyn Nicodemus, 1995b: “Inside. Outside”;

in: Clémentine Deliss, 1995. Seven Stories about Modern Art in Africa, Paris: Flammarion, S. 29-36.

 

[1]    Deliss 1995: 14.

[2]    Vgl. Deliss 1995: 18.

[3]    Vgl. Deliss 1995: 15.

[4]    Enwezor 1996.

[5]    Vgl. Nicodemus 1995a: 34 und Enwezor 1996.

[6]    Vgl. Enwezor 1996.

[7]    Vgl. Nicodemus 1995a: 37 und Enwezor 1996.

[8]    Nicodemus 1995b: 36.

[9]    Vgl. Nicodemus 1995a: 40.

 

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