Dak'Art 2016

Klangerfahrungen

C& spricht mit dem in Berlin lebenden Künstler Satch Hoyt über die Kraft des Klangs, die Vernetzung der afrikanischen Diaspora und wie es ist, als Jamaikaner in den USA zu leben. Sein Werk Say it Loud ist Teil der Gruppenausstellung Listeners Digest bei RAW auf der diesjährigen Dak'Art Biennale

Satch Hoyt, Rulers, 2016. Rulers. Courtesy of the artist

By Julia Grosse
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C&: In vielerlei Hinsicht benutzt du Musik und Klang in deinen Arbeiten ähnlich wie Senga Nengudi, die gesagt hat, sie braucht immer das Element von Klang/Musik in ihren Ausstellungen. Uns interessiert, welche Rolle Klang für dich persönlich spielt, in deiner Kunst, aber auch kollektiv betrachtet. 

Satch Hoyt: Musik oder Klang hat in meinem Leben immer eine wichtige Rolle gespielt. Vom Mutterleib bis zur Kirche haben die Klangrituale, die Freiheitshymnen mich genährt und getröstet, mir Kraft gegeben. Ihr wisst ja, dass ich Musiker und Sänger war, bevor ich 1999 zur bildenden Kunst wechselte. Die meisten meiner plastischen Objekte werden von einem akustischen Text (einer Klanglandschaft) begleitet. Das Ton-Element entsteht immer nach Fertigstellung des Objekts, die akustischen Texte sind eigentlich akustisch kodifizierte Erzählungen, räumliche Zeitachsen, und generell sind es Echtzeit-Kompositionen, die ich im Tonstudio erstelle.

Die Musik ist total verwoben mit meiner bildnerischen Praxis. Zurzeit untersuche ich in meiner Arbeit das, was ich als die Migration des Eternal Afro Sonic Signifier (Ewigen Afro-akustischen Bedeutungsträgers) bezeichne, des einzigen Gefährten während der Zwangsmigration durch den transatlantischen Sklavenhandel. Darüber hinaus schafft dieser Bedeutungsträger bis heute eine Verbindung zwischen Menschen der Diaspora. Ich behaupte, dass dieses mnemonische Klangnetzwerk, das mit der Versklavung über den Atlantik gebracht wurde, den Jazz im Congo Square in New Orleans sowie all die anderen Musikgenres im Karibischen Becken und den Amerikas schuf, ebenso wie Drum and Bass in London und Hip-Hop in New York. Besonders faszinierend ist der Rückimport dieser älteren Genres nach Afrika. Das ist letztendlich eine Wiederholungsschleife auf kultureller Ebene, die durch den technologischen Fortschritt praktischerweise erleichtert wird.

C&: Erzähl uns etwas über die interaktive Klangarbeit, die du für Leipzig gemacht hast.

SH: Ich wurde zur Teilnahme an der Ausstellung „Kontrollmodus Feedback“ in Halle 14 eingeladen, eine der Galerien und Ausstellungsflächen auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei. Das Feedback-Konzept entspricht physisch und konzeptionell dem, was ich in dieser Arbeit erforsche, und zu der Zeit letztes Jahr waren die brutalen Morde an Michael Brown und Eric Garner durch die US-amerikanische Polizei sehr aktuell und ich wollte diesen Moment unbedingt nutzen, um das in die Kunstwelt einzubringen.

C&: Du hast einen jamaikanischen Hintergrund und interessanterweise wirst du besonders von der Kunstszene in den USA als amerikanischer Künstler geschätzt, oder? Warum glaubst du, kommt es zu dieser Art von „kultureller Verlagerung“?

SH: Es gibt in den USA eine große jamaikanische Community. Und ich habe in New York in Bezug auf die afroamerikanische Community sehr viel Offenheit erfahren. Vergesst nicht, dass der gefeierte Claude McKay einer der vielen Jamaikaner war, der bei der Entstehung der Harlem Renaissance eine entscheidende Rolle spielte. Ich wurde schon häufig als afroamerikanischer Künstler eingeordnet, weil ich viele Werke geschaffen habe, die direkt mit dieser Kultur in Zusammenhang stehen. In meiner Jugend in London erlebte ich die karibische Community tatsächlich als sehr durch US-amerikanische Musik und Politik beeinflusst.

Satch Hoyt, Rulers, 2016. Fabric. Courtesy of the artist

Satch Hoyt, Rulers, 2016. Rulers. Courtesy of the artist

C&: Da du in Berlin lebst, wie nimmst du die Präsenz der afrodeutschen Diaspora wahr?

SH: Kurz nachdem ich 2008 in Berlin angekommen war, hatte ich das Glück, Katharina Oguntoye kennenzulernen und mit ihr zu arbeiten. Sie ist die Gründerin und Leiterin des Vereins Joliba, einer Community-Organisation, die insbesondere darauf ausgerichtet ist, afrodeutschen Kindern etwas über ihr afrikanisches Erbe beizubringen – und als jemand, der multi-ethnischer Herkunft und in London aufgewachsen ist, kann ich mich total damit identifizieren. Ich habe regelmäßig Workshops bei Joliba durchgeführt, daher hatte ich die Möglichkeit, Einblicke in die Geschichte und Gegenwart der Community zu bekommen. Das verband sich mit meiner Freundschaft zu Katharina, die, wie ich hinzufügen möchte, 1986 gemeinsam mit May Ayim und Dagmar Schultz Farbe Bekennen. Afro-Deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte herausgab, ein bahnbrechendes Buch, das aufzeichnet, wie sich der Rassismus in der deutschen Gesellschaft auf dreizehn Schwarze deutsche Frauen ausgewirkt hat.

Ich nehme die Präsenz der afrodeutschen Diaspora als leise und zurückgezogen wahr, wobei es eine Tatsache ist, dass ihre Stimme unterdrückt wurde – und die Gründe dafür sind vielfältig und kompliziert. Einer davon ist insbesondere, dass sie in einer Gesellschaft existiert, die an schwerer Amnesie leidet, einer Gesellschaft, die ihre koloniale Vergangenheit verleugnet. Ein weiterer Grund ist, dass eben diese Gesellschaft noch immer versucht sich selbst davon zu überzeugen, sie sei ein Vorbild der Rassenlosigkeit, dabei wissen wir alle, dass das eine absoluter Irrtum ist. Angesichts dieser beiden Hürden ist die Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung kultureller Codes so essentiell für die Erweiterung der Diaspora. Diese Codes sind in alles eingeschrieben, von Essen über Stil, Kunst, Musik bis hin zur Literatur. Hier in Berlin ist die gute Nachricht, dass wir den Kulturort Savvy Contemporary haben, mit Bonaventure Ndikung am Steuer, der mit dem Schwerpunkt Post-Otherness den Weg für Inklusivität bereitet.

C&: Erzähl uns von deiner Beteiligung an der RAW-Ausstellung während der Dak’Art 2016.

SH: Ich mache die Installation Say It Loud für die Ausstellung Listeners Digest. Say It Loud ist eine interaktive Installation und tatsächlich eine Plattform für den unzensierten Ausdruck, die sich mit dem Konzept der Meinungsfreiheit beschäftigt. Formal ist das Werk inspiriert durch meine Sonntagsausflüge als Jugendlicher zu Speakers’ Corner im Londoner Hyde Park, doch das Konzept und die erste Ausführung entstanden kurz nach der Tragödie vom 11. September. Damals lebte ich in New York und bekam vom Dach meines Wohnblocks auf der Lower East Side mit, wie der zweite Turm implodierte. Die darauf folgende Maßregelung von Ideen, Äußerungen, multikulturellem Liberalismus usw. war greifbar und bedrückend. Diese Erfahrung korrespondiert mit dem allgemeinen Mangel an Transparenz bei imperialistischen Regierungen, und ihre anhaltende Amnesie bezüglich der kolonialen Kapitel der Geschichte hat mich zu dieser Arbeit inspiriert. Die Auswahl an Büchern in jeder Installation spiegelt diese Themen wider und verankert somit eine Trittleiter im Berg von einschlägigen Büchern. Sie umfassen Publikationen wegweisender DenkerInnen aus Afrika, der afrikanischen Diaspora und dem globalen Süden im Allgemeinen, die zu Freiheit und Determinismus schreiben.

C&: Und zum Schluss erzähl uns noch was über deine aktuelle Arbeit mit Linealen.

SH: „Rulers“ heißt meine neue Reihe. In dem Werk untersuche ich zunächst die Musik in Bezug auf Rhythmen oder Takte. Auf jeder Tafel sind acht klare Linien, die eine Oktave darstellen, und jede Tafel ist eine abstrakte Partitur, die improvisiert gespielt werden kann. Wenn die Reihe fertig ist, möchte ich ein Oktett (acht MusikerInnen) zusammenstellen, um live eine improvisierte Conduction aufzuführen. Diese Arbeiten bestehen aus alten ausziehbaren Linealen, die ich in Berlin auf unterschiedlichen Flohmärkten kaufe. „Rulers” beschäftigt sich auch mit der Vorstellung der Vermessung. Im Jahre 1884 kamen 14 europäische Staatsmänner auf Einladung von Kaiser Otto von Bismarck hier nach Berlin zu einer Konferenz, die in Deutschland als Kongo-Konferenz bekannt ist, während sie anderswo der Wettlauf um Afrika genannt wird. Nachdem sie den Kontinent wie eine Torte aufgeschnitten hatten, verwendeten sie das metrische System, um die Grenzen zu schaffen, die ihre gestohlenen Kolonialgebiete aufteilten. Nicht ein afrikanisches Staatoberhaupt war geladen und viele dieser erfundenen Grenzen bestehen bis heute. Die Reihe bezieht sich auch auf afrikanische Stoffdesigns, insbesondere Ewe- und Kente-Webstoffe aus Ghana. Jede/r hat einen Bezug zu diesen epistemischen Alltagsdingen.

Satch Hoyt nimmt an der Ausstellung Listener’s Digest – Razor (creolization) Mix at RAW, Dak’Art OFF teil: May 5 – June 5, 2016

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Ein Gespräch von Julia Grosse

 

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