Dak'Art 2016

Mit der Welt sprechen

Im Gespräch mit der Künstlerin Heba Y. Amin über die Kunst-Community nach der Revolution in Ägypten, Kultur-Hacking der Serie Homeland und ihre Arbeit Project Speak2Tweet auf der diesjährigen Dak'Art.

Heba Amin, 'As Birds Flying', 2016 Video Still, courtesy of the artist

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C&: Die Kunst-Community war wesentlich an der ägyptischen Revolution beteiligt und du warst auf verschiedenen Ebenen involviert. Wie würdest du die Situation in Kairo heute, fünf Jahre danach, beschreiben?

Heba Y. Amin: Leider sind wir kollektiv gesehen an einem sehr schwierigen Punkt. Die Meinungsfreiheit wird stark eingeschränkt. Wir leben in einer Atmosphäre von Angst, Paranoia, und niemand weiß, wie sie/er sich in öffentlichen Räumen verhalten oder nicht verhalten soll, was er/sie im Internet und den sozialen Medien sagen darf oder nicht. Es herrscht wieder eine Unruhe, die sich ähnlich anfühlt wie zu Anfang der Revolution. Was die Kunst-Community angeht, hat diese weitverbreitete Angst vielfältige Auswirkungen, denn außer der Schließung von Institutionen und unabhängigen Kunsträumen, werden viele KünstlerInnen, AktivistInnen und SchriftstellerInnen aufgrund ihrer kreativen Arbeit inhaftiert. Das führt verständlicherweise dazu, dass Leute sich selbst zensieren. Es gibt keinen Zweifel, dass das die Art und Weise verändert, wie Werke produziert werden, und – vorläufig – die kreative Entwicklung gewissermaßen deckelt. Das soll nicht heißen, dass KünstlerInnen nichts mehr produzieren, natürlich nicht, und sie werden niemals zum Schweigen gebracht. Aber es ist nicht klar, wohin wir uns bewegen.

20° 52' 35.45" N, 17° 3' 32.08" W, Nouadhibou, Mauritania, Digital Print, courtesy of the artist

20° 52′ 35.45″ N, 17° 3′ 32.08″ W, Nouadhibou, Mauritania, from ‘The Earth is an Imperfect Ellipsoid’ , Digital Print, courtesy of the artist

C&: Glaubst du es gibt eine Art ästhetische Gerechtigkeit, nach der Kunstschaffende streben sollten?

HYA: Ich denke es gibt in der Kunst eine Menge Möglichkeiten, politische Ungerechtigkeiten anzusprechen, doch denke ich nicht, es sollte die Verantwortung von KünstlerInnen sein, im politischen Veränderungsprozess eine bestimmte Rolle einzunehmen. Vielleicht hat Kunst die Macht, unsere Sehgewohnheiten zu verändern. Gleichwohl gibt es so viele verschiedene Strategien, die Kunstschaffende nutzen, um Politik und kreatives Schaffen zu verbinden. In vielen Fällen ist das erfolgreich, vielfach jedoch auch nicht. Ich denke das hängt einfach von bestimmten Faktoren ab: Was ist der Kontext und welche Instrumente werden eingesetzt? Während der ägyptischen Revolution konnten wir viele kreative Strategien beobachten, beispielsweise Straßenkunst, Memes in den sozialen Medien, die sich viral verbreiten, die Verwandlung öffentlicher Räume durch Videoprojekte und Filme etc. Es gab eine wahnsinnige Explosion von Kunst, die wahrscheinlich davor nicht im selben Maße da war. Plötzlich hatten Menschen das Bedürfnis, sich kreativ auszudrücken.

C&: Apropos Politik, erzähl uns etwas über dein Kollektiv, die Arabian Street Artists, die die Serie Homeland gehacked haben.

HYA: Ich möchte zunächst darauf hinweisen, dass die Arabian Street Artists kein echtes Kollektiv sind, sondern eine Parodie. Wir verwenden die Bezeichnung ironisch, da sie uns am Set damit betitelten, was wir total orientalisierend fanden, und in der politischen Inkorrektheit auch komisch. Wir entschlossen uns, uns über sie lustig zu machen, indem wir den Namen annahmen. Sie filmten die fünfte Staffel der Serie Homeland in Berlin. In einem der Handlungsstränge dieser neuesten Staffel geht es um Hacker und Whistleblower im Kontext der Migrations-„Krise“. Sie hatten die Kulisse eines syrischen Flüchtlingslagers im Libanon errichtet und suchten GraffitikünstlerInnen, die das Set mit ‚authentischen‘ arabischen Graffitis dekorieren sollten. Ich hatte das Jobangebot ursprünglich abgelehnt, da ich die TV-Serie boykottierte. Doch gemeinsam mit Caram Kapp und Don Karl beschloss ich diese Gelegenheit zu nutzen, um gegen die Serie Stellung zu beziehen.

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“1001 Jokes” courtesy of the Arabian Street Artists

"Homeland is racist" courtesy of the Arabian Street Artists

“Homeland is racist” courtesy of the Arabian Street Artists

Nach ein paar Treffen mit der Filmcrew wurde klar, dass sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten; selbst die Vorlagen, die sie verwendeten, waren auf einer Linie mit dem syrischen Präsidenten und würden höchstwahrscheinlich nicht in einem Flüchtlingscamp für Syrer auftauchen, die dem Regime entkommen wollten. Wir stellten eine Liste von kritischen Sprichwörtern zusammen, da wir fanden, dass Sprichwörter ein guter Ansatz in dieser Sache sein könnten – vielleicht wären sie nicht ganz so offensichtlich. Doch als wir dann am Set ankamen stellten wir fest, dass sich niemand wirklich dafür interessierte, was wir schrieben, es sollte nur Dekorationszwecken dienen. Wir nutzten die Gelegenheit, um mit den Inhalten unserer Graffitis herumzuspielen, um die Sendung zu kritisieren. Drei Monate später wurde die Folge gesendet – mit Graffiti-Sprüchen wie „Homeland ist rassistisch“, „Homeland ist ein Witz“, „1001 Katastrophe“, und „Homeland ist ne Wassermelone“ (eine Redewendung, die besagt, dass etwas ein Witz ist). Letztendlich, kritisierte die Sendung sich unwissentlich selbst. Als wir sicher waren, dass unsere Graffitis gezeigt worden waren, veröffentlichten wir eine Stellungnahme über unseren subversiven Akt auf meiner Website und innerhalb einer Stunde nachdem wir sie in den sozialen Medien geteilt hatten, wurde sie viral. Medien aus aller Welt nahmen Kontakt mit uns auf. Wir fanden damit weltweit ein solches Echo, wie wir es nie hätten vorhersehen können. Scheinbar konnten viele Leute die von uns geäußerte

Kritik nachempfinden, ebenso wie die Tatsache, dass es sich hier nicht bloß um eine unschuldige Unterhaltungssendung handelt, die Fiktion zeigt, sondern den Blick der Menschen auf eine sehr große Region der Welt negativ beeinflusst, und das hat wiederum echte Auswirkungen in der politischen Landschaft.

C&: Du hast vor kurzem ein echtes Kollektiv gegründet, das Black Athena Collective. Ist das ein neues Projekt?

HYA: Es ist ein Projekt, das ich zusammen mit dem Künstler Dawit L. Petros gegründet habe. Wir möchten uns räumliche Konstrukte und politische Diskurse ansehen, die mit dem afrikanischen Kontinent in Verbindung stehen. Der Name für das Black Athena Collective ist der Dissertation von Martin Bernal entnommen, in der er methodologische Annahmen hinterfragt, die in die westliche Geschichtswissenschaft eingebettet sind. Von ihm kam die „umstrittene“ Idee, das antike Griechenland – und Europa im Allgemeinen – könnten in hohem Maße durch den afrikanischen Kontinent beeinflusst worden sein. Wir möchten Alternativen erkunden, um Narrative von Süd nach Nord aufzurollen, statt umgekehrt. Für uns besteht ein wichtiger Teil des Projekts darin, diese Regionen zu bereisen und uns die Landschaften und räumlichen Konstrukte anzusehen, durch die Menschen sich bewegen. Ich denke wir haben beide das Dilemma erlebt, wie Narrative über den Kontinent erzählt werden, vor allem in Zusammenhang mit Finanzierungsstrukturen. Es gibt wenige Möglichkeiten für Kunstschaffende, wirklich unabhängig zu sein und sich nicht auf Bewilligungsbechränkungen auszurichten. Wir versuchen uns daher aus dieser dominanten Struktur herauszuziehen, um zu sehen, ob wir nicht einen anderen Dialog herausbekommen können.

Accumulations, assemblages (III), House Frame, Yarn, Tagounite & Cape Spartel, Morocco, Archival colour pigment prints, 20 x 56 cm, 2016

Accumulations, assemblages (III), House Frame, Yarn, Tagounite & Cape Spartel, Morocco, Archival colour pigment prints, 20 x 56 cm, 2016

C&: Zum Schluss erzähl uns noch etwas über deine digitale Projektreihe Project Speak2Tweet.

HYA: Project Speak2Tweet ist ein Projekt, an dem ich schon viele Jahre arbeite und das auf einer Plattform basiert, die 2011 zu Beginn der Revolution in Ägypten entstand. Zu der Zeit mobilisierten revolutionäre Jugendliche die Menschen über Twitter und Facebook, und als das Internet stillgelegt wurde, verschwanden sie weltweit völlig von den Internet-Landkarten. Daraufhin entwickelte eine Gruppe von Programmierern die Plattform „Speak2Tweet“. Damit konnten Leute ein normales Telefon verwenden und eine bestimmte Telefonnummer anrufen, um dann eine gesprochene Nachricht zu hinterlassen. Die Klangdateien wurden danach ohne externe Mittlerperson automatisch auf Twitter gepostet. Der Gedanke dahinter war, dass Menschen außerhalb von Ägypten durch diese Nachrichten weiterhin Informationen erhalten und mitbekommen konnten, was dort los war.

9th Forum Expanded Exhibition: What Do We Know When We Know Where Something Is? “Project Speak2Tweet: case study #1” 64th Berlinale photo courtesy of Giampiero Assumma

9th Forum Expanded Exhibition: What Do We Know When We Know Where Something Is? “Project Speak2Tweet: case study #1” 64th Berlinale, photo courtesy of Giampiero Assumma

Ich war damals in Deutschland und fing an, obsessive die Nachrichten auf dieser Plattform zu hören. Mir war sehr schnell klar, dass sie total einzigartig war, vor allem da sie auch Menschen mit einbezog, die nicht unbedingt auf den Straßen waren, aber ihrer Solidarität mit den Geschehnissen Ausdruck verleihen wollten. Es wurde ein Raum, in dem Leute ihre Gefühle ausdrücken und mit der Welt sprechen konnten. Durch diese Plattform wurde mir klar, welche unglaubliche Macht darin liegt, digitale Medien auf unübliche Arten zu nutzen.

Nun habe ich das komplette Archiv, und soweit ich weiß, bin ich die Einzige, die darüber spricht. Ich habe mit einem Projekt begonnen, in dem die einzelnen Nachrichten verwendet und mit Filmmaterial einer verlassenen Stadt zusammengestellt werden. Das Projekt wurde ein spannender Ausgangspunkt für eine Diskussion und warf viele Fragen auf, die in Bezug auf die Revolution besprochen werden mussten. Ich fühle mich auch gewissermaßen in der Verantwortung, diese Informationen wieder öffentlich und leicht zugänglich zu machen. Ein Archiv ist nichts, wenn niemand die Initiative ergreift, es zu konservieren.

Ich präsentiere Project Speak2Tweet bei der diesjährigen Dak’Art. Für mich ist es spannend, das Projekt in anderen Kontexten zu zeigen, weil die verschiedenen narrativen Schichten sichtbar werden, abhängig davon, wo ich es zeige und welchen Bezug die Menschen zu dieser Erfahrung der ägyptischen Revolution haben, die weltweit wahrgenommen wurde.

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Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

 

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