Ein Gespräch über ihre kuratorische Praxis

Eva Barois de Caevel

Unser Autor Dagara Dakin spricht mit der jungen Preisgewinnerin. Sie erklärt uns einige Aspekte ihrer Vision einer kuratorischen Praxis.

Eva Barois De Caevel Photo: Étienne Dobenesque

By Dagara Dakin
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Im Februar 2014 sprach Contemporary And anlässlich der Ausstellung „Who Said It Was Simple / Qui a dit que c’était simple“, die von  Januar bis März 2014 in der Raw Material Compagny, Zentrum für zeitgenössische Kunst in Dakar, zu sehen war, mit der Kuratorin Eva Barois De Caevel. Ihre Ausstellung bildete den ersten von vier Teilen des Zyklus „Libertés individuelles“ – individuelle Freiheiten –, der sich unter anderem mit dem Thema beschäftigte, wie die Frage der (insbesondere sexuellen) Marginalität in den Medien in Afrika behandelt wird.

Am 17. November dieses Jahres wurde Eva Barois De Caevel nun — im Rahmen der Auktion des ICI (Independent Curators International) — der Gerrit Lansing Independent Vision Curatorial Award 2014 verliehen. Mit diesem Preis werden alle zwei Jahre junge internationale KuratorInnen ausgezeichnet, deren Arbeit als besonders vielversprechend geschätzt wird. Unser Autor Dagara Dakin hat sich mit der jungen Preisträgerin unterhalten. Sie liefert uns hier einen kleinen Einblick in ihre Auffassung von kuratorischer Praxis.

Eva Barois De Caevel Photo: David X Prutting, Billy Farrell Agency.

Eva Barois De Caevel
Photo: David X Prutting, Billy Farrell Agency.

Dagara Dakin  : Sie haben gerade den Gerrit Lansing Independent Vision Curatorial Award 2014 entgegengenommen, können Sie uns Ihren ersten Eindruck beschreiben, was bedeutet Ihnen dieser Preis? 

Eva Barois De Caevel: Diese Auszeichnung ist eine schöne Überraschung! Wie ich bei der Preisverleihung schon erwähnte, konnte ich im Vorfeld schwer einschätzen, wie meine Arbeit, wie sie sich in dem Dossier darstellt, das der Jury zur Prüfung vorgelegt wurde und das ja nur einen sehr begrenzten Einblick bieten kann, aufgenommen werden würde, zumal ich meine Praxis als Kuratorin als jung, sehr experimentell, politisch und nicht unbedingt attraktiv bezeichnen würde. Nancy Spector, die für die diesjährige Auswahl verantwortlich war, bezeichnete die kritische Qualität dieser Arbeit dann jedoch als „unbeugsam“, was natürlich eine wunderbare Ermutigung ist. Gleichzeitig bedeutet dieser Preis aber auch eine Anerkennung auf der internationalen Ebene, die meinem Wunsch, auf verschiedenen geographischen Ebenen zu arbeiten, wie es die thematischen Inhalte meiner Projekte erfordern, sehr entgegenkommt. Außerdem wurde mir dieser Preis von der ICI (Independent Curators International) verliehen, von einer Organisation, mit der ich mich besonders freue, von nun an zusammenarbeiten zu können. Der Preis ist damit auch Ausgangspunkt für verschiedene neue Projekte, eine Chance, mit für mich wichtigen Akteuren über die zahlreichen Ideen zu diskutieren, die ich in den kommen Jahren umzusetzen hoffe.

D.D: Ich habe den Eindruck, jeder Kurator hat so seine ganz eigene Vorstellung von diesem Beruf. Worin besteht Ihrer Meinung nach die Aufgabe einer Kuratorin? Und welche Einstellung haben Sie zu dieser Tätigkeit insgesamt?

E. B. D.C: Ja, natürlich. Und das ist auch gut so! Es ist gar nicht so einfach, Ihnen eine Antwort auf diese Frage zu geben. Ich versuche ohnehin, mir die Arbeit nicht selbst zu erschweren, indem ich die Rolle des Kurators zu streng einzugrenzen suche. Es ist eine komplexe Angelegenheit: Als Kuratorin wird Ihnen oftmals vorgeworfen, dass Sie sich selbst für die Künstlerin halten, oder für die Forscherin. Manche Leuten würden es wahrscheinlich lieber hören, wenn Sie ihnen eine ungefähre Definition von Ihrer Aufgabe liefern, als zu versuchen nachzuvollziehen, wie sehr Sie sich bemühen, Ihre Rolle als Kuratorin immer wieder in Frage zu stellen und an die Forschungsbereiche, die Sie für wichtig erachten oder an die Praxis der KünstlerInnen, mit denen Sie arbeiten, anzupassen. Ich glaube, die Aufgabe der Kuratorin kann wirklich sehr umfassend sein, es gibt keinen Grund, sie einzuschränken, aufgrund  kategorischer Prinzipien oder von Streitigkeiten um die Autorenschaft. Zum Beispiel wäre es denkbar, dass ich für künftige Ausstellungen Objekte erstelle oder erstellen lasse, weil ich Sie benötige, als Ergänzung zu bereits bestehenden Werken, Archiven oder Texten. Für mich beruht die Aufgabe der Kuratorin auf ihren Fähigkeiten, neue Ausstellungsmodelle und neue Formen der kritischen und theoretischen Begleitung von künstlerischen Werken zu erschaffen, und diese jeweils auf die spezifischen geographischen und politischen Gegebenheiten und auf die wichtigsten künstlerischen Entwicklungen abzustimmen.

D.D: Sie sind eine der Mitbegründerinnen des KuratorInnen-Kollektivs Cartel de Kunst. War die Gründung dieses Kollektivs für Sie eine Möglichkeit, in diesen Beruf einzusteigen ohne gleich das Gefühl zu bekommen, „allein gegen alle“ arbeiten zu müssen, oder entstand diese Idee aus einer ganz anderen Logik heraus? Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit im Kollektiv von der unabhängigen Arbeit als selbständige Kuratorin? 

E. B. D.C: Cartel de Kunst ist eine Vereinigung, die wir noch als Studierende an der Sorbonne gegründet haben, Jahrgang 2011/12 im Masterstudium „L’art contemporain et son exposition“, Paris IV. Mit dem Kollektiv wollten wir uns tatsächlich eine Grundlage schaffen, um als junge KuratorInnen existieren zu können, wenn wir von der Universität abgehen, in der Übergangszeit in das Berufsleben, mit all den Schwierigkeiten, die damit verbunden sein würden. Die zehn Mitglieder des Kollektivs hatten alle einen ganz unterschiedlichen Hintergrund, einige von uns verfügten bereits über eine nicht unerhebliche Berufserfahrung. Für mich ist dieses Kollektiv aber viel mehr als ein berufliches Netzwerk, es ist gleichzeitig ein wichtiges Gemeinschafts- und Freundschaftsnetz. Ich habe das Cartel immer auch als positive Initiative gegen den weit verbreiteten professionellen Zynismus erlebt, und gegen die Ausbeutung, mit der PraktikantInnen und BerufsanfängerInnen zu kämpfen haben… Im Kollektiv haben wir unsere Rolle und unsere Aufgaben selbst definiert, das hat uns  Kraft gegeben.

Und um auf Ihre zweite Frage zurückzukommen: ich würde sagen, die Arbeit im Kollektiv unterscheidet sich von meiner Arbeit als Selbständige weniger im Hinblick auf den Aspekt der Unabhängigkeit, da wir ja ein unabhängiges Kollektiv sind (das heißt, wir sind in unserer Arbeit an keine bestimmte Institution oder Organisation gebunden), die Arbeit im Kollektiv unterscheidet sich aber in anderer Hinsicht von meiner Arbeit als Selbständige. In meiner Arbeit im Cartel de Kunst geht es zum Beispiel weniger darum, die theoretischen und kritischen Themen zu erörtern, mit denen ich mich in den Projekten auseinandersetze, die ich in eigenen Namen durchführe. Im  Kollektiv, und das ist wohl das Besondere daran, steht vielmehr die Arbeit in der Gruppe im Zentrum unserer Aktivitäten. Ihre individuellen Themen setzen die einzelnen Mitglieder in anderem Rahmen um. Das heißt nicht, dass ich meine persönlichen Projekte nicht auch mit den Mitgliedern des Cartels diskutiere. Aber die Arbeit im Kollektiv ist auf einer anderen Ebene erfüllend: jede der drei Ausstellungen, die wir bisher zusammen realisiert haben (seit unserer Gründung jedes Jahr eine Ausstellung) bedeutete eine andere Art, der Gruppe Ausdruck zu verleihen und das Wesen des Kuratierens zu deuten. Im Übrigen bringt dich die Gruppe auch dazu, dich selbst in Frage zu stellen, dich weiter zu entwickeln. Arbeit in der Gruppe heißt immer auch Diskussion. Im Cartel gibt es keine offiziell festgelegten Aufgaben, alles ist beweglich, jede Entscheidung wird von der gesamten Gruppe getroffen, das bedeutet unter anderem Hunderte von Mails und von Versammlungen, aber es ist faszinierend!

D.D: Sie sind auch Assistant Curator an der Raw Material Company in Dakar, können Sie uns sagen, worin Ihre Arbeit in dieser Einrichtung besteht?

E. B. D.C: Nach einer sechsmonatige Residency an der Raw, die im März 2014 auslief, und der eine mehrmonatige Fernzusammenarbeit mit Koyo Kouoh,  der Leiterin und Gründerin dieses Ortes vorausgegangen war, schlug mir Koyo Kouoh vor, assistierende Kuratorin zu werden. Konkret bedeutet dass, das ich in Paris wohnen bleibe, aber an den Aktivitäten der Einrichtung aus der Ferne beteiligt bin. Meine Aufgabe besteht darin, die Aktivitäten, die ich während meiner Residency in der Raw begonnen habe, weiterzuführen. Zum Beispiel arbeite ich zurzeit an der Realisierung einer Publikation, die den gesamten Zyklus „Libertés individuelles“ dokumentieren wird, in den sich auch meine Ausstellung  „Who Said It Was Simple / Qui a dit que c’était simple“ einreihte, aber ich arbeite mit Koyo auch an Projekten, die sie auf der internationalen Ebene durchführt: momentan bereiten wir etwa eine Ausstellung in Brüssel vor, „Body Talk“, die im Februar 2015 im WIELS eröffnet wird, und auch eine Ausstellung in Hamburg, „Streamlines“, die im November 2015 in den Deichtorhallen anläuft. Mich verbindet mit der Raw Material Company eine bestimmte Form von Zusammenarbeit, ich habe vieles gemeinsam mit diesem Ort und mit Koyo, es ist eine Beziehung, die mich in meiner noch jungen Existenz als Ausstellungskuratorin enorm  bereichert hat.

 Adelita Husni-Bey, research notes, Cairo, June 2014. Courtesy of the artist.


Adelita Husni-Bey, research notes, Cairo, June 2014. Courtesy of the artist.

D.D: Sie scheinen sich sehr für die Fragen zu interessieren, die sich aus den Verhandlungen im Zusammenhang mit den derzeitigen Erneuerungen der nichtwestlichen Gesellschaften ergeben. Und Sie laden insbesondere afrikanische Kunstschaffende ein, daran zu arbeiten, ich zitiere Sie, „das Immer und das Neue,  das Hier und das Dort eingehend zu prüfen, [um] … neue Strukturen zu kreieren, zu kreolisieren – um es mit Glissant zu sagen  —, gegen den schädigenden Einfluss des Traditionalismus und gegen alle Formen von Imperialismus.“ Haben Sie bereits Arbeiten entdeckt, die ihrem Anspruch entsprechen? Wenn ja, können Sie uns einige Beispiele dafür nennen? Und könnte man  vielleicht sagen, dass Sie sich im Grunde gerade für Spannungsfelder interessieren, für Bereiche, wo etwas im Umbruch ist, im Entstehen, wo Entscheidungen getroffen werden müssen? 

E. B. D.C: Ja, sicher. Denn meine Arbeit besteht ja nicht darin, Kunstwerken theoretische Realitäten aufzudrücken. Meine Recherchen gehen von den Werken aus und von meinem Interesse an sozial engagierten Praktiken, an jüngeren oder wieder aktualisierten Strukturen, die im zeitgenössischen künstlerischen Film wirken, aber auch von meinem Interesse an allen anderen Medien, wenn diese sich der Methoden aus dem Bereich der Geschichte,  der Anthropologie oder der Soziologie bedienen, wenn sie sich dessen bewusst sind, dass sie lebende Objekte in einer postkolonialen Welt sind. Ich glaube tatsächlich, dass diese Praktiken und die Begleitung und Verbreitung dieser Praktiken durch KuratorInnen, sehr wichtig sind für die Erneuerung der nichtwestlichen Gesellschaften. Ich glaube, dass die Arbeiten von KünstlerInnen wie Kader Attia, Adelita Husni-Bey, Mark Boulos, Bouchra Khalili, Kapwani Kiwanga, Jelili Atiku oder Emma Wolukau-Wanambwa eben diese Art der Recherche verkörpern, und ich könnten Ihnen viele weitere Namen nennen.

Ich verfolge sehr aufmerksam den Gedanken, dass wir uns in einer globalen postkolonialen Welt bewegen, und dass diese Welt auch unsere Herangehensweise und Überlegungen in allen spezifischen Themenbereichen bestimmen muss: Gender, Feminismus oder auch Sexualität sind in diesem Kontext zu denken. Moral und Ästhetik sind in diesem Zusammenhang zu denken. Insofern ist es naheliegend, dass ich mich für Gesellschaften, Ereignisse oder Themen interessiere, die in besonderem Maße durch diesen Kontext geprägt sind. Ich würde also nicht sagen, dass ich mich besonders für Spannungsfelder interessiere, sondern dass diese postkoloniale Betrachtung der Welt, die meine gesamte Arbeit durchzieht, mich in besonderem Maße dazu bringt, Spannungen ans Licht zu bringen und mit KünstlerInnen und ForscherInnen zusammen zu arbeiten, die sich ebenfalls dafür interessieren, diese Spannungen zu erkennen, zu reflektieren, ihnen Form zu geben und darauf zu reagieren.

 Mark Boulos, All That Is Solid Melts into Air (2008), installation view, 6th Berlin Biennale for Contemporary Art. Courtesy of the artist.


Mark Boulos, All That Is Solid Melts into Air (2008), installation view, 6th Berlin Biennale for Contemporary Art. Courtesy of the artist.

 

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