Venedig Biennale 2017

Die Annalen der Geschichte

Der simbabwische Künstler Admire Kamudzengerere gibt einen Einblick in seine kontextuelle Nutzung der Medien und erklärt, warum soziopolitische Fragen die zentralen Elemente seiner Arbeit sind

Admire Kamudzengerere. Kushaya Pekutarisa 2017. 117 x 75cm. Monotype and silkscreen on paper. Dova Kumeso Kwangu 2017. 114 x 86cm. Monotype and silkscreen on paper. Guruva Kumeso 2017. 151 x 106cm. Monotype and silkscreen on paper.

By Jessica Aimufua
Tweet about this on TwitterShare on FacebookEmail to someone

C&: In der Vergangenheit hast Du mit vielen unterschiedlichen Medien gearbeitet, Malerei, Zeichnung, Performance und Videoinstallation. Wie würdest Du deinen künstlerischen Ansatz beschreiben?

Admire Kamudzengerere: Ich würde sagen, dass ich kontextabhängig jeweils die Medien verwende, die die Situation, die ich in einem bestimmten Moment erlebe, umgeben. Die unmittelbaren Ressourcen in meinem Umfeld nehmen Einfluss auf das, was ich schaffe. Was mich fasziniert, ist die Dringlichkeit des Materials, die Art und Weise, wie es gestaltet werden, wie ich improvisieren kann, Alternativen zu entdecken, zu experimentieren und auszuprobieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Art und Weise, wie ich mit einem Lithographie-Stein arbeite, um schnelle, spontane Selbstporträts zu machen, während ich gleichzeitig in den Spiegel schaue. Das ist sicher nicht die übliche Arbeitsweise, aber es ermöglicht einen anderen, wesentlich unmittelbareren Umgang mit dem Stein.

Es ist ein sehr emotionaler Prozess. Zwar steht das, was ich versuche zu schaffen in einem Einklang mit den Dingen, auf die ich unmittelbar Zugriff habe, aber das was dann daraus entsteht, entzieht sich im Ergebnis meiner Kontrolle. Meine Arbeit entsteht aus Wut, Freude oder irgendeinem anderen Gefühl heraus, als Reaktion auf die Spannung in der Atmosphäre, die mich umgibt, und ich bin mir dabei immer meiner Fähigkeit zu zerstören und zu schaffen bewusst.

Admire Kamudzengerere, Registrar, 2017

C&: In Deiner Arbeit sind Themen wie soziale Gerechtigkeit, politische Gewalt und Identität unweigerlich miteinander verknüpft. Kannst Du uns etwas mehr darüber erzählen?

AK: Es wäre schwierig, von meinem Standpunkt aus Kunst zu machen ohne auf soziopolitische Kontexte einzugehen. Ich beschäftige mich mit den makro- und mikrokosmischen Fragen meiner Geschichte und meiner gegenwärtigen Lebensumstände als migrantischem Individuum und als Künstler. Mein Werk ist geprägt von meinem Sinn für das Menschsein: was bedeutet es heute, afrikanisch zu sein und wie ist das damit verbunden, ein Weltbürger­, zu sein? Auch wenn uns Grenzen als rein kartographisch und frei von religiös-politischen Inklinationen präsentiert werden, glaube ich, dass sie kulturdurchlässig sind.

Die Erfindung des Papiers nimmt eine Schlüsselrolle ein, sie hat die Erwartungen der Gesellschaft an sich selbst grundlegend verändert. Das Papier bereitete den Weg für die Identifikation des Individuums – Philosoph, Poet, Politiker oder Gemeindemitglied. Mit dem Papier gab es ein Mittel, die Menschen zu zeichnen, wie sie waren und eine Möglichkeit, sich in die Annalen der Geschichte einzuschreiben. Es entstanden Urkunden, Verträge, Eigentumstitel, Landkarten und andere Dokumente; Tinte floß auf Fasern. Derlei Vereinbarungen wurden zu den Brandzeichen der modernen Zeit, sie eröffneten den Übergang in eine formalere Form der Sklaverei. Am Ende wird man vielleicht feststellen, dass ein Individuum, ein Subjekt unter diesen externen Einflüssen schlussendlich als rein statistischer Wert betrachtet wird und nicht als Mensch … die unteilbare Einheit.

C&: Was können wir von Deinem Beitrag zum simbabwischen Pavillon erwarten?

AK: Im simbabwischen Pavillon zeige ich drei Arten von Arbeiten, alle drei repräsentieren mich als simbabwischen und gleichzeitig internationalen Künstler. Ich bin der jüngste Teilnehmer an diesem Pavillon und mein Zugang zu den neuen Medien wird eine andere Dimension mit hineinbringen. Außer meinen Zeichnungen und Gemälden präsentiere ich eine Performance, zusammen mit Rachel Monosov, einer israelischen Künstlerin, mit der ich in den letzten beiden Jahren viel zusammengearbeitet habe. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Diversität von Geist, Körper und Technik im Einklang steht mit dem menschliche Wesen und seiner segregativen Natur hoffentlich trotzt. Der moderne Culture Clash führt in Verbindung mit meinem migratorischen Wesen zu einem Überfluten von Einflüssen, die bewusst und unbewusst in meine Arbeit hinein sickern. Meine Absicht ist es, in meiner Arbeit so viel wie möglich davon zu projizieren, um den Beobachter auf der sinnlichen Ebene anzusprechen. Wenn diese Arbeit ein Spiegel für die Welt sein könnte, würde ich mir wünschen, dass die Betrachter sich darin selbst durch meine Linse sehen.

 

Interview von Jessica Aimufua.

 

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.