Die Kunstszene in Luanda

“Die Kunstszene in Luanda ist jung und lebendig und verfügt über eine politische Kraft, deren Wirkung noch nicht abzuschätzen ist.”

Die Kunstkritikerin und Kuratorin Suzana Sousa gewährt uns einen exklusiven Einblick.

Kiluanji Kia Henda, Redefining The Power III, from ‘Series 75 with Miguel Prince’, 2011, triptych, photographic print mounted on aluminium, each: 120 × 80. © Kiluanji Kia Henda

By Suzana Sousa
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Seit mittlerweile zehn Jahren prägt die Luanda Triennale, das größte internationale Kunstevent der angolanischen Hauptstadt, die Kunstszene in Luanda. Initiiert von Fernando Alvim, fand die erste Ausstellung im Jahre 2007 statt. Doch hat es bereits in den fünf Jahren zuvor verschiedene kleinere Veranstaltungen gegeben, um den großen Moment vorzubereiten und um Unterstützung für die Triennale zu werben. Während dieser Zeit wurden die angolanischen Künstler durch Konferenzen und Residenzen von Künstlern wie Miquel Barceló oder DJ Spooky in die weltweite Kunstszene eingeführt. Gleichzeitig wurde das Projekt auf der internationalen Bühne präsentiert, um Angola einen größeren Platz in der Debatte über afrikanische Kunst zu eröffnen und eine nationale Position einzunehmen, die aus der beschränkten Perspektive auf einzelne Künstler hinausführt – wenngleich Fernando Alvim damals wie heute lediglich als Privatperson mit einer eigenen, privaten Institution auftritt. In diesem Kontext betraten Künstler wie Kiluanji Kia Henda oder Yonamine die internationale Szene, und eben dieser Kontext führte auch zu einer rasanten Zunahme der bereits bestehenden Sammlungen.

 Da es in Angola keinerlei Kunstmuseen oder Kunstgalerien gab, stellten private und institutionelle Sammler die wichtigsten Mäzene des Landes dar. Durch die Internationalisierung der angolanischen Kunst ist deren Verantwortung weiter gestiegen, da sie nach wie vor als Unterstützer der Künste fungieren, zugleich aber einen kritischeren Blick angenommen haben, weil sie selbst ebenfalls mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Diese „private“ Geschichte der angolanischen Kunst hat vor Kurzem eine interessante Wendung erfahren: Sie hat die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich gezogen, deren – zu erhoffende – politische Neuausrichtung Verbesserungen im Bereich des Urheberrechts sowie den Bau von Museen und Kunstakademien mit sich bringen wird. Im Jahr 2012 erhielt Kiluanji Kia Henda für seine Verdienste bei der Internationalisierung der angolanischen Kunst vom Kulturministerium den „National Prize for Culture“. Und auf der vergangenen Biennale in Venedig gewann der angolanische Pavillon mit der Ausstellung „Luanda: Encyclopaedic City“ des Künstlers Edson Chagas den Goldenen Löwen für die „Beste Nationale Teilnahme“. Kuratiert wurde diese Ausstellung von Beyond Entropy (Paula Nascimento und Stefano Pansera).

Der vom angolanischen Kulturministerium in Auftrag gegebene Pavillon präsentierte zwei Shows, die meiner Ansicht nach die Veränderungen reflektieren, die die zeitgenössische Kunst in Angola derzeit durchläuft. Das nationale Ethos, das bereits im Titel der von Jorge Gumbe kuratierten Show „Angola em Movimento“ („Angola in Bewegung“) offenkundig ist, wird von der zeitgenössischen Praxis ebenso wie von dem eigenen Blick der Künstler auf sich selbst und von ihrer Art der Eigenpräsentation in Frage gestellt. Es gibt eine neue Generation von Künstlern, die mit verschiedenen Medien experimentieren und die unabhängig von den politischen Ideologien der neueren angolanischen Geschichte arbeiten. Künstler, die politisch wie künstlerisch ein globalisiertes Selbstverständnis entwickelt haben.

Zahlreiche neue Projekte und aufsteigende Akteure prägen derzeit die Kunstszene in Luanda. 2012 hat Carlos Major das kuratorische Projekt Vidrul Fotografia entwickelt, bei dem jeweils vier Künstler einen Monat lang ausgestellt werden. In der letzten Ausgabe waren Werke von Kiwla, N’Dilo Mutima, Renato Fialho und Adiddy Love zu sehen. Zu dem Verdienst dieses Projektes, neue Künstler ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, gesellt sich das Experimentieren mit neuen Orten in der Stadt, die nicht unbedingt immer typische Ausstellungsräume sind. So fand die letzte Ausstellung im Hauptpostamt von Luanda statt. Ganz ähnlich verhält es sich mit e.studio, einem kulturellen Unternehmen, das von António Ole, RitaGT, Francisco Vidal und Nelo Teixeira gegründet wurde. Diese Künstlergruppe hat einen Raum für die Kunst geschaffen, an dem die Produktion von und Diskussion über Kunst gefördert werden soll. Institutionen wie das Portugiesische Kulturzentrum und die Foundation for Arts and Culture, eine israelische Organisation, bieten ebenfalls ein regelmäßiges kulturelles Programm mit nationalen Künstlern und Kuratoren.

In einem Gespräch mit der Fotografin Indira Mateta haben wir jüngst die Frage nach der Sichtbarkeit der Künstlerinnen in Angola gestellt. Das Fehlen einer offiziellen Lehre ist sicher einer der wichtigsten Gründe für die Marginalisierung von Künstlerinnen, aber eben auch die inoffiziellen Ausbildungssysteme, die dazu tendieren, Frauen eine untergeordnete Rolle zuzuschreiben, und insofern dazu beitragen, dass Frauen im Bereich der Kunst vor allem mit dem Kunsthandwerk in Verbindung gebracht werden. Seit Jahren kämpft Marcela Costa in ihrem Atelier/Kunstraum gegen diese Praxis an. Mittlerweile hat sie eine Gemeinde von Kunstliebhabern um sich geschart, die der von Frauen hergestellten Kunst huldigen. Dennoch ist es nach wie vor schwer für Künstlerinnen, in der lokalen Szene als zeitgenössische Kunstschaffende wahrgenommen zu werden.

Die Kunstszene in Luanda ist jung und lebendig und verfügt über eine politische Kraft, deren Wirkung noch nicht abzuschätzen ist. Im Zusammenspiel mit Subkulturen wie dem kuduro steht sie für eine politische Neuausrichtung, die sich mit dem alltäglichen Leben befasst und sich darin selbst reflektiert. In einem Land, über dem traditionell über Themen wie Politik das große Schweigen liegt, ist dies eine aufregende Neuerung.

Suzana Sousa lebt und arbeitet als freie Kuratorin in Luanda. Sie ist eine der Kuratorinnen der nächsten Triennale Luanda.

 

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