Im Gespräch mit Simon Njami

„Die Künstler sind das lebende Beispiel für die Absurdität von Territorien.“

C& ist Mediapartner der Ausstellung “The Divine Comedy: Heaven, Hell, Purgatory revisited by Contemporary African Artists”. Exklusiw wird C& mit allen teilnehmenden KünstlerInnen sprechen.

Pascale Marthine Tayou , Les cercles de cristal, 2005. Installation view MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main: photo: Renato Ribeiro Alves © MMK Frankfurt

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MMK/C&: Der Himmel ist im Erdgeschoss des Museums angesiedelt, das Fegefeuer in der Mitte und die Hölle in der obersten Etage. Dem Himmel ordnen Sie die Farbe Weiß, dem Fegefeuer Rot und der Hölle Schwarz zu. Auf einer weiteren Ebene sind die drei Bereiche mit Personen der Kunstgeschichte verbunden: Kasimir Malewitsch steht für das Paradies, Caravaggio für die Hölle und Jean-Michel Basquiat für das Fegefeuer. Welche Ideen stecken hinter diesen Zuordnungen?

Simon Njami: Es ist ganz einfach: Ich finde das Paradies langweilig, sehr totalitär und „weiß“. Weiß bedeutet Licht und Reinheit. Malewitsch wollte sich der Farben entledigen und produzierte weiße Bilder auf weißem Hintergrund. Er ist also der perfekte Begleiter für das Paradies: Die ganze Theorie des Suprematismus ist sehr totalitär, es gibt kaum Freiheiten.
Das Fegefeuer ist für mich der Ort, an dem Menschen am ehesten Mensch sein können. Im Himmel sind sie hingegen so etwas wie Engel, im Fegefeuer kann man sie sehen und als Menschen erkennen, auch wenn sie unter verschiedensten Bestrafungen leiden müssen. Mein Freund Jean-Michel war ein Sünder – und ich mag Sünder sehr –, aber das hat ihn auch umgebracht. Ich sehe das Fegefeuer als einen Ort, wo sehr viele Farben sind, vor allem Rot. Darum geht es auch in den Bildern von Michel.
Caravaggio verdient mit Sicherheit die Hölle: Er wurde zum Mörder und obwohl er Katholik war, musste er in die Hölle. Caravaggio war besessen von dem Kontrast zwischen Schwarz und Weiß in seinen Bildern. Für mich ist er also der perfekte Begleiter für die Hölle.

MMK/C&: Was hat Ihre Vorstellungen vom Jenseits beeinflusst?

SN: Das ist eine Frage, die ich an die Künstler weitergeleitet habe. Wo möchtet Ihr sein? Natürlich ist das nur eine theoretische Frage, diese Reiche existieren ja nicht. Die Hölle wäre mein bevorzugter Ort, nicht nur die Hölle, vielmehr der Limbus. Dort findet man Menschen vor, die nicht an den „richtigen“ Gott geglaubt haben. Ich möchte herausfinden, wer der „richtige“ und wer der „falsche“ Gott ist.
Im Limbus sind Menschen, wie zum Beispiel Vergil, die geboren und gestorben sind vor Christi Geburt und kleine Kinder, die nicht getauft wurden. Das ist der eindeutige Beweis für die Absurdität des katholischen Glaubens, denn: Warum sollte ein Baby in die Hölle kommen? Warum haben manche Menschen die Chance, in den Himmel zu gelangen, andere nicht?
Den Himmel finde ich langweilig, das Fegefeuer ziemlich interessant, aber zu heiß, viele Dinge passieren dort. Im Fegefeuer sind die Menschen blind, sie leben im Rauch. In der Hölle sind die Monster, aber der Limbus ist eine Art VIP Corner.
Den Künstlern habe ich solche Fragen gestellt, natürlich haben sie einen unterschiedlichen Geschmack. Interessanterweise – und ich denke, das ist direkt mit der Kunst verbunden – musste ich einige überzeugen, in das Fegefeuer oder in den Himmel zu gehen. Die meisten haben die Hölle bevorzugt.

MMK/C&: Wie haben Sie die Künstler überzeugt? Der Himmel schien den meisten als Ort ohne Konflikte wahrscheinlich schlichtweg zu langweilig, oder?

SN: Letztlich war es einfach, denn wir wollten das Christentum mit der Ausstellung ja dekonstruieren. Die Hölle kann für jemanden anderen der Himmel sein und umgekehrt. Die Ausstellung möchte eben nicht Dantes Text illustrieren, sondern diesen in einen neuen Kontext setzen. Warum sollte ich mich nach einem Buch richten, das andere geschrieben haben? Ich kreiere eher meine eigene Welt, die zu meinen Vorstellungen und zu meiner Philosophie passt.

MMK/C&: Auf den ersten Blick scheint die Ausstellung eine klare Struktur zu haben durch die Einteilung in Himmel, Hölle und Fegefeuer verteilt auf drei Etagen. Bei einem Rundgang durch die Ausstellung stellt man jedoch schnell fest, dass die Grenzen sehr viel durchlässiger sind, als man zunächst annimmt.

SN: Ja, genau. Denn es ist kein religiöses Jenseitsreich, das ich zeigen möchte. Menschen sind Menschen, jeder kann sich von einem Moment zum nächsten als ein ganz anderer erweisen.

MMK/C&: Sie haben also von den Künstlern erwartet, dass sie Himmel, Hölle und Fegefeuer dekonstruieren?

SN: Nein, ich habe diese Reiche dekonstruiert mit den Blicken der anderen. Ich spiele mit ihren Perspektiven und ihren Vorstellungen von den Jenseitsreichen. Die Künstler wiederum sind mit ihrem Werk beschäftigt.
Zoualikha Bouabdellah zum Beispiel zeigt mit ihrer Installation etwas sehr persönliches und spezifisches. Ich nutze ihre Vorstellungswelt und bringe sie zusammen mit dem Werk von Andrew Tshabangu, der sich mit dem Christentum in Afrika auseinandersetzt.
Gott ist ein sehr gutes Geschäft geworden, das mit der Zerbrechlichkeit der Menschen spielt. Also wollte ich den einen Gott Seite an Seite mit dem anderen Gott stellen und zeigen, dass Religion nichts anderes, als eine große Lüge ist.
Das alles geht darauf zurück, was wir aktuell wieder erleben: Menschen entscheiden für andere, so wie es auch jeder Religion zu eigen ist. Die Päpste unterstützten den Sklavenhandel, weil sie davon ausgingen, dass Schwarze keine Seele haben.

MMK/C&: Hier schließt sich direkt unsere nächste Frage an, die sich auf die politische Ebene der Ausstellung bezieht: Sie sagen, dass Sie Territorien abschaffen möchten und auf die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft auf der einen Seite und deren Verzerrung auf der anderen Seite abzielen. Welche Utopie steckt hinter dieser Aussage?

SN: Das ist keine Utopie, sondern Realität. Ich wurde in Paris ausgebildet, komme aber aus Kamerun. Allein durch die Tatsache, dass ich existiere, gibt es schon viele abgeschaffte Grenzen.
Ich denke, dass Kunst die Menschen zwingt, nachzudenken und uns vor Augen führt, dass Grenzen eine vollkommen seltsame Angelegenheit sind. Es sind nicht die physikalischen Grenzen, sondern eher die mentalen Grenzen, die zuerst aufgebrochen werden müssen. Ich möchte die Menschen wachrütteln und sie dazu zwingen, Fragen zu stellen und über ihre Fehler nachzudenken, die so offen liegen.

MMK/C&: Wenn Sie aber Afrikaner verschiedener Länder in einer Ausstellung zeigen, bestätigen Sie die Idee des Territoriums, oder?

SN: Physikalischer Raum ist für mich eine Metapher und eine Abstraktion. Die Afrikaner sind das lebende Beispiel für die Absurdität von Territorien. Ich weiß nicht, ob zum Beispiel Mwangi eher afrikanisch oder europäisch ist. Das möchte ich den Menschen zeigen. Ich beschäftige mich mit Künstlern, nicht mit afrikanischer Kunst. Ich weiß nicht, was das sein soll.

MMK/C&: Können Sie erklären, was der Begriff der politischen Kunst für sie bedeutet?

SN: Ich weiß nicht, was politische Kunst ist. Für mich ist Kunst politisch, wenn sie eine Meinung äußert. Ich erachte jedes Werk in der Ausstellung als politisch. Ich mag Formen, die nicht zu offensichtlich sind. Wir neigen dazu, zu vergessen, wie wichtig unsere Meinung ist und das es andere sind, die uns kontrollieren möchten. Die wollen uns nur davon abhalten nachzudenken. Nachdenken ist heutzutage also eine politische Frage. Solange wir die Integrität unserer Gedanken bewahren, sind wir politisch. Das heißt nicht, dass jede Regel gebrochen werden muss.

MMK/C&: Vor 10 Jahren haben Sie in Düsseldorf die Ausstellung „Africa Remix“ kuratiert , die als „Durchbruch“ für afrikanische Kunst gesehen wurde. Haben Sie ahnen können, welche Auswirkungen Ihre Ausstellung haben wird?

Ich arbeite als Kurator oder politischer Aktivist. Ich glaube nicht an Durchbrüche. Ich möchte den Menschen etwas zeigen. Ein so genannter „Durchbruch“ gibt den Menschen die Möglichkeit, etwas weniger dumm zu sein und ich hoffe, dass das deutsche Publikum durch die Ausstellung etwas weniger dumm geworden ist. Als ein Politiker nutze ich mein Werkzeug und antizipiere Situationen wie ein Schachspieler.
Wenn die Ausstellung einigen Künstlern erlaubt hat, als Künstler angesehen zu werden und nicht als Afrikaner, dann ist das ein wunderbarer Effekt. Die Frage nach dem Publikum ist einer sehr interessante und knifflige zugleich. Ich kenne das Publikum nicht und mir sind seine Erwartungen egal. Ich fasse meine Ideen in Ausstellungen zusammen und manchmal funktioniert es, manchmal nicht.
„Durchbruch“ wurde tatsächlich überall verwendet. In meiner Ausstellung waren Künstler, die für den internationalen Markt entdeckt wurden, aber in Wahrheit schon 40 Jahre als Künstler gearbeitet haben. Etwas zu „entdecken“, was schon sehr lange existiert, ist eine Art europäische Arroganz: Was Du nicht kennst, existiert nicht. Afrika ist ein Konzept, weil es nicht territorial festgelegt ist. Darum mag ich es, Afrikaner zu sein.

MMK/C&: Die letzte Frage: In ihren Schriften und Äußerungen ziehen Sie vielfache Verbindungen zwischen den einzelnen Künsten: Künstler seien Schauspieler, Kunst funktioniere wie eine Symphonie. Welche Vorstellung steckt hinter diesen Beziehungen?

SN: Ich denke nicht, dass die Unterscheidung in sechs Künste existiert. Es ist eine sehr dumme Unterteilung. Zum Beispiel: Wenn ich eine Oper mache, brauche ich einen Text, Stimmen, Design, Kostüme, alles muss konzipiert werden. Man kann einen Menschen nicht auf eine Rolle festlegen.
Ich verstehe mich als Kurator, aber die Beschreibung als Dirigent oder Komponist würde ebenso gut passen. Ich schreibe die Musik und muss dann die richtigen Instrumente und Musiker finden.
Wie könnte ich alleine eine Ausstellung machen?! Ich kann nicht malen, ich bin nicht reich, ich habe keinen Ausstellungsraum. Ich habe mal einen Text geschrieben mit dem Titel „A Curator as a Naked King“: Jeder Schauspieler spielt seine eigene Rolle in dem Stück.

In den kommenden Monaten sind weitere Texte und Reviews rund um die Ausstellung „Die Göttliche Komödie“ auf dem neuen Museumsblog „MMK Notes“ zu finden  http://mmk-notes.com/

Die Ausstellung The Divine Comedy: Heaven, Hell, Purgatory revisited by Contemporary African Artists kuratiert von Simon NjamiMMK / Museum für Moderne Kunst, 21.3.- 27.7.2014, Frankfurt/Main.

 

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