C& talks to curator Eva Barois de Caevel

“Ein guter Einstieg in den Zyklus…”

As the Dakar Biennale is coming up this year in May, C& presents its little series introducing young talent, exhibitions, cultural producers and their projects in Dakar.

Qui a dit que c'était simple / Who said it was simple. © Antoine Tempé. Courtesy: Raw Material Company

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C&: Du hast in verschiedenen Kunstbereichen gearbeitet, dich mit verschiedenen Medien auseinander gesetzt und das an verschiedenen Orten, in Dakar sowohl als auch in Paris. Du bist jung. Kannst du uns zum Einstieg etwas über deinen Werdegang erzählen?

Eva Barois de Caevel: Begonnen habe ich mit einem Studium der Geisteswissenschaften. Nach einem Vorbereitungsstudium der Literaturwissenschaft habe ich mich für meine Licence an der Sorbonne auf ästhetische Philosophie und Kunstgeschichte spezialisiert. Anschließend habe ich mich im Rahmen meiner Maîtrise in zeitgenössische Kunstgeschichte auf die Rolle von Video in der zeitgenössischen Kunst, auf den Einfluss des Kinos und auf den experimentellen Film konzentriert. Schließlich habe ich, auch an der Sorbonne, einen Master in „Zeitgenössische Kunst und ihre Ausstellung“ absolviert, in diesem Studiengang geht es um kuratorische Praktiken. Danach habe ich an der Produktion von Künstlerfilmen mitgearbeitet. Und jetzt etabliere ich mich als unabhängige Kuratorin, sowohl im Kontext der Aktivitäten mit dem Kollektiv Cartel de Kunst, zu der ich gehöre, wie auch im Rahmen von Residencies wie die an der Raw Material Company, die im März zu Ende geht.

C&: Wie entstand der Ausstellungszyklus Libertés individuelles?

EBDC: Als Koyo Kouoh die Raw Material Company gründete, war eine ihrer wichtigsten Ziele, nicht nur einen Ort zu schaffen, der sich der zeitgenössischen Kunst widmet, sondern einen Ort, wo Kunst ein Mittel darstellt, um soziale und politische Fragen zu stellen. Koya hat sich Raw als ein Raum vorgestellt, wo sich Kultur, Theorie, Kunst sowie politische und soziale Fragen kreuzen können. Deswegen hatte sie sich schon lange gewünscht, an einem Zyklus über die Idee der individuellen Freiheit zu arbeiten. Sie wollte sich diesem Thema über ihre Perspektive auf bestimmte aktuelle Probleme nähern, vor allem in Hinblick auf ihre Erfahrungen im Senegal und ihren Standpunkt zu den Massenmedien. Ihrer Ansicht nach stellt kein Thema ein Tabu für die Kultur dar, in diesem Sinne kann sich Raw als kultureller Ort sehr wohl erlauben, die Frage der sexuellen Praktiken zwischen Gleichgeschlechtlichen in Afrika anzugehen. Ihr war es auch wichtig, das Projekt zeitlich großzügig zu planen, damit die Frage in ihrer ganzen Tiefe untersucht werden kann, ohne Zeitdruck und auf einer ausreichend gründlichen Art und Weise, um die Debatte ruhig und konstruktiv führen zu können. So wurde Libertés individuelles als einjähriges, um verschiedene Akten aufgebautes Programm angelegt.

C&: Du sprichst über Homosexualität, aber in der Projektbeschreibung taucht dieses Wort gar nicht auf.

EBDC: Ja und zwar mit Absicht, denn ich spreche gerade nicht über „Homosexualität“. Ich achte darauf, diesen Begriff nicht zu benützen, eben weil er importiert wurde. Im Zuge der Reflektion über diese Ausstellung bin ich zum Schluss gekommen, dass es ein Fehler ist, und Spannungen und Verkrampfungen verschlimmert, dieses westliche Wort zu benützen. Die Allgegenwart eines westzentrierten Diskurses, einer westzentrierten Nomenklatur ist ein Problem. Im Senegal, zum Beispiel, gibt es in der Wolof-Sprache ein ganzes Vokabular, um über einen „sexuellen Akt zwischen Frauen“ oder einen „sexuellen Akt zwischen Männern“ zu sprechen, sowie sehr subtile Nuancen, um Praktiken oder Einstellungen zu beschreiben, aber es gibt keinen Begriff, der genau „lesbisch“ oder „schwul“ bedeutet. Der Sprachschatz muss auch entkolonisiert werden, er unterliegt auch dem Imperialismus. Man muss wachsam sein.

C&: Qui a dit que c’était simple / Who Said It Was Simple  ist also der Titel der Ausstellung…

EBDC: Der Titel ist einem Gedicht von Audre Lorde entlehnt. Ich schätze dieses Gedicht sehr, es versucht, die Wut einer Frau zu beschreiben und fragt nach der Notwendigkeit einer Identität sowie nach der Unabhängigkeit einer Person im Verhältnis zu ihren Praktiken: Welche Möglichkeiten gibt es, sich zu definieren? Die Reflektionen Audre Lordes haben mich während meiner Recherchen bestärkt. Und der Satz ist lustig, ein guter Einstieg in den Zyklus, eine Antwort an alle, die über dieses Projekt entsetzt waren, gezweifelt haben oder total dagegen sind.

 Qui a dit que c'était simple / Who said it was simple. © Antoine Tempé. Courtesy: Raw Material Company

Qui a dit que c’était simple / Who said it was simple. © Antoine Tempé. Courtesy: Raw Material Company

C&: Wie steht es um die Situation im Senegal, um den politischen Kontext?

EBDC: Die Politik unterwirft sich sehr den religiösen Gruppierungen, und diese setzen die Thematik der sexuellen Beziehungen zwischen Gleichgeschlechtlichen als Kampagne ein: Es geht darum, den Menschen Angst zu machen und sie um bestimmte Ideen zu scharen. Dementsprechend speist sich das Bild, das die Medien von der senegalesischen Meinung konstruieren, aus den Fantasievorstellungen der Religiösen – es ist ein Bild einer importierten Krankheit, die es angeblich vorher nie im Senegal gegeben hat. Paradoxerweise wird dieser Diskurs von den NGOs und den Verfechtern der Menschenrechte verstärkt, indem sie eine Homosexualität fördern, die in der Tat nichts Senegalesisches an sich hat.

C&: Dein Ausgangspunkt war die Arbeit im Archiv?

EBDC: Ja, ich habe zunächst in Medienarchiven gearbeitet, das wichtigste Instrument, um ein Bild der kollektiven Vorstellungswelt im heutigen Senegal zeichnen zu können, vor allem von der gesellschaftlichen Meinung laut denen, die sie lenken. Wir haben im Pressearchiv der Journalistenschule CESTI gearbeitet und uns dabei auf die letzten zehn Jahre konzentriert. Das CESTI hat uns mehr als 2.500 Presseartikel zur Verfügung gestellt, davon habe ich ca. hundert ausgewählt, die mir als ausreichend repräsentativ erschienen und die ich nutzen konnte, um eine aufschlussreiche Chronologie dieser letzten zehn Jahre zu entwerfen. Diese Zeitleiste, die die Jahre zwischen 2003 und 2013 abbildet, ist jetzt in der Ausstellung zu sehen. Anhand dieser Darstellung lade ich die Besucher dazu ein, die wachsende Bedeutung des Themas in der Presse zu ermessen und zu sehen, um welche Ereignisse sich die Jahre mit einer großen Artikelflut kristallisieren. Die politische und religiöse Instrumentalisierung, die genau dann stattfindet, wenn politisch etwas auf dem Spiel steht, wird spürbar. Man sieht auch die Motivationen der Journalisten: der kommerzielle Aspekt ihrer Aufbereitung, da sich dieses Thema extrem gut verkauft, aber auch die demagogische und populistische Manipulationen ihrer Arbeit, vor allem durch bestimmte religiöse Kreise. Ich habe diese Zeitleiste mit Zeitschriften aus dem Archiv, Radiobeiträgen, Blogs, Internetseiten, sowie politischen Karikaturen ergänzt

Qui a dit que c'était simple / Who said it was simple. © Antoine Tempé. Courtesy: Raw Material Company

Qui a dit que c’était simple / Who said it was simple. © Antoine Tempé. Courtesy: Raw Material Company

C&: Bist du in deinen Archivrecherchen tiefer in die Geschichte eingedrungen?

EBDC: Ich wollte viel weiter in der Zeit zurückgehen und also nicht nur in Medienarchiven arbeiten sondern auch mit Forschern, Historikern und Anthropologen. Es gibt einige afrikanische Wissenschaftler, die die Frage der sexuellen Praktiken zwischen Gleichgeschlechtlichen in Afrika aus einer historischen Perspektive untersucht haben. Was den Senegal betrifft, habe ich mit Professor Cheikh Ibrahima Niang von der Cheikh Anta Diop University gearbeitet, ein großer Spezialist, der über weitreichendes Wissen zum Thema verfügt und der im Laufe seiner Forschungen eine ausgiebige Materialsammlung zusammengetragen hat. In der Ausstellung sind zwei seiner Artikel zu sehen, die sich mit der Integration in der senegalesischen Gesellschaft von Männern, die mit anderen Männern sexuelle Beziehungen haben, auseinander setzen. Er beschreibt ausführlich die politische Rolle, die diese Männer in der vorkolonialen Gesellschaft gespielt haben, vor allem den Platz, den sie gegenüber den Frauen einnahmen. Sichtbar wird eine hochentwickelte und friedliche soziale Strukturierung, die das Phänomen reibungslos integriert hat.

C&: Warum gab es einen Bruch in dieser Hinsicht?

EBDC: Zu dieser Frage gibt es natürlich verschiedene Ansichten. Ich kann jedoch auf ein paar mögliche Antworten verweisen. Für viele afrikanischen Wissenschaftler, so zum Beispiel Ifi Amadiume, ist eine der wichtigsten Faktoren, die zur Diskreditierung dieser Praktiken und soziokulturellen Strukturen geführt hat, die Kolonisierung, die die überlieferte Formen der Bildung und der Vermittlung von Wissen in Frage gestellt hat. Wissen war fließend und wurde gemäß einem panafrikanischen Altersklassensystem von Generation zu Generation weitergereicht. Dann aber wurde diese Ordnung erschüttert und komplett überworfen, hat ihre Kontinuität verloren. Der religiöse Diskurs – ob missionarisch oder nicht – hat dieses Phänomen begleitet. Ich persönlich glaube sehr an diesen kolonialen Auslöser, im Zuge dessen die Gesamtheit der kulturellen Praktiken missverstanden und bespöttelt wurde und in Vergessenheit geriet, weil der Westen mit seinen ganzen selbstbewussten Vorstellungen über das Wissen, über die Art und Weise, wie Wissen vermittelt werden sollte, und darüber, was richtig, schicklich und erlaubt ist, auf die Bühne trat. Wenn alles zerstört ist, bleibt Chaos zurück: die Ignoranz, mit der wir es heute zu tun haben und ein Festhalten an (oder Import von) einem imperialistischen Muster, um eine solche Frage zu regeln. Dabei entsteht aus der Ablehnung dieses Musters auch keine Neugestaltung.

C&: Wie ist das Programm von Libertés individuelles aufgebaut? Der Zyklus wird ja von deiner Aufstellung eröffnet…

EBDC: Genau, danach wird es noch zwei weitere Ausstellungen geben, die erste während der Dak’art Biennale, kuratiert von Koyo Kouoh und Ato Malinda. Gezeigt werden Werke zeitgenössischer Künstler wie Kader Attia, Zanele Muholi, Jim Chuchu, Andrew Esiebo oder Amanda Kerdahi – Künstler aus Afrika oder der afrikanischen Diaspora. Das Konzept von Ato Malinda ist es, über die Existenz einer homosexuellen Identität in Afrika nachzudenken, über die Möglichkeit einer queeren Identität, die tatsächlich afrikanisch ist. Gibt es so etwas in Afrika, kann es so etwas in Afrika geben? Wenn ja, wie? Wenn es sie schon gibt, wo ist sie? Wo könnte sie entstehen? In der Arbeit von Jim Chuchu, zum Beispiel, begegnet man Hybridwesen, die sowohl von heidnischen afrikanischen Traditionen inspiriert sind als auch von zeitgenössischen Vorstellungen homosexueller Praktiken. Schließlich soll der letzte Teil des Ausstellungszyklus, kuratiert von Gabi Ngcobo, eine prozesshafte Form annehmen: diese Ausstellung wird sich aus dem Austausch und der Interaktion ergeben, die Gabi zwischen Menschen hier in Dakar und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt zum gleichen Thema einer queeren Afrikanität ermöglichen wird. Der letzte Akt der Ausstellung wird eine Publikation sein.

C&: Wie siehst du die Rolle der Kunst als militante Praxis? Was ist deine Meinung zu militanter Kunst?

EBDC: Die Kunst ist in der glücklichen Lage, keine im Voraus festgelegte Position einnehmen zu müssen, sobald sie sich mit bestimmten Themen auseinander setzt, sie ist nicht starr. Das stört übrigens viele der Ausstellungsbesucher. Sie wollen von mir, dass ich mich in Hinblick auf dieses Thema im Voraus festlege: als Aktivistin, Fürsprecherin, Politikerin, Verteidigerin der Menschenrechte, usw. Dabei geht es mir aber um keine dieser Positionen, ich bin Ausstellungskuratorin, und ich hatte das Glück, an einem Ort zu arbeiten, dessen Philosophie die Idee integriert, dass man aus dieser großen Idee von Kunst die theoretische Reflexion extrahieren und als solche ausstellen kann – während man nach wie vor als Hauptberufung Kunstwerke ausstellt. Aber um direkter auf deine Frage einzugehen: Ich glaube nicht so sehr an militante Kunst im strengen Sinne sondern eher an das was man sozial engagierte künstlerische Praktiken nennt, und ich glaube an die Rolle des Kurators in diesen Prozessen. Ich glaube auch, dass die postkolonialen Fragen, die mich beschäftigen, von Künstlern behandelt werden können. Schließlich glaube ich, dass das Feld der globalisierten zeitgenössischen Kunst entkolonisiert werden muss.

Qui a dit que c’était simple / Who Said It Was Simple, 29. Januar–29. März 2014, Raw Material Company, Dakar.

Seminar: Reporting on Difference. Different Report?  Media, Difference, and Marginality, 7.–9. März 2014, Raw Material Company, Dakar:

“Reporting on Difference. Different Report?” is a three-day seminar that addresses the generally discriminating radical tone with regards to sexual difference in African news media. The seminar will bring together social scientists, historians, religious leaders, lawyers, editors-in-chief and journalists to discuss the current situation in multiple working sessions.

Eva Barois de Caevel ist Absolventin der Universität Paris-Sorbonne, wo sie zeitgenössische Kunstgeschichte studierte. Aktuell interessiert sie sich vor allem für postkoloniale Fragen in der zeitgenössischen Kunst sowie für sozial engagierte künstlerische Praktiken. Zusammen mit ihrem Kollektiv, Cartel de Kunst, kuratierte sie die Ausstellungen Temps étrangers (Mains d’Œuvres, Saint-Ouen, 2012) und The Floating Admiral (präsentiert im Rahmen der Reihe Nouvelles vagues im Palais de Tokyo, Paris, 2013).

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Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

 

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