Ausstellungsgeschichte(n)

The Short Century

In dieser Serie kommt C& noch einmal auf die am meisten diskutierten, geliebten, gehassten, zum Nachdenken anregenden und wegweisenden Ausstellungen zurück, die in den vergangenen Jahrzehnten zeitgenössische Kunst aus afrikanischen Perspektiven präsentierten. Wir machen weiter mit der Ausstellung The Short Century, die von Okwui Enwezor kuratiert wurde.

Malick Sidibé, Christmas evening. 1963.

By Julia Friedel
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In München eröffnete 2001 die Ausstellung The Short Century. Independence and Liberation Movements in Africa 1945-1994. Konzipiert für das Museum Villa Stuck, wanderte sie daraufhin nach Berlin, Chicago und New York. Okwui Enwezor, Kurator, Kritiker und inzwischen Direktor am Haus der Kunst in München, stemmte diese gewaltige Show. Die erste deutsche Blockbuster-Ausstellung über zeitgenössische Kunst aus Afrika war geboren.

 

Konzept und Kritik

In The Short Century rollte Enwezor das Kapitel der Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika neu auf und setze sich ein für eine verstärkte Analyse dieser gewichtigen Epoche: „Decolonization, and its attendant ideological and philosophical contestation of Western imperialism, does (…) remain one of the most significant events of the twentieth century (…).“[1] Er wagte in seiner Ausstellung einen Ritt quer durch sämtliche Formen künstlerischer Produktion und zeigte bildende Kunst und Fotografie, aber auch Architektur, Film, Musik oder Grafik. Wesentliches Merkmal der Show war dabei die historische Einordnung der Werke. The Short Century steht für jene folgenreiche Periode der Geschichte Afrikas, während der immer mehr Staaten ihre langersehnte Unabhängigkeit erlangten: sie repräsentiert die Anfänge der Autonomie, forciert durch die Pan-Afrikanischen Kongresse, bis hin zum Zerfall der Apartheid in Südafrika. Nach Enwezor begann damals auch kulturell eine neue Ära; die neugewonnene Souveränität fand ihren Ausdruck im künstlerischen Schaffen und der selbstbewussten Etablierung einer ‚afrikanischen Moderne‘.

Malangatana Ngwenya, Untitled, 1961.

Der Kurator wollte mit The Short Century zeigen, wie eng das Erwachen dieser neuen kulturellen Identität mit der Umwälzung der politischen Verhältnisse verbunden war. Bewegungen wie die Négritude und der Pan-Afrikanismus kämpften nicht nur für politische Autonomie, sondern auch für ein neues afrikanisches Selbstbewusstsein, das sich in der Kunst, Musik oder Literatur manifestierte.[2] Im Katalog findet man daher eine umfassende Zusammenstellung aus politischen Manifesten, Reden und historischen Fotografien, die die Kunstwerke ergänzen und zum tieferen Verständnis dieser Zeit dienen. Gegliedert wurden die Arbeiten nach Gattungen, wobei Enwezor mit beratenden Kuratoren zusammenarbeitete: Rory Bester unterstütze in der Sektion Architektur, Lauri Firstenberg den Bereich Grafik, die bildende Kunst wurde von Chika Okeke betreut. Mark Nash war als Co-Kurator für den Bereich Film engagiert. Insgesamt waren Werke von über 50 Künstlern aus 22 afrikanischen Ländern und der Diaspora zu sehen, darunter Arbeiten von Malick Sidibé, Skunder Boghossian und Jane Alexander. Zusammen mit den historischen Dokumenten sollten diese Werke in The Short Century die Dynamik einer Zeit demonstrieren, in der politische Veränderungen gemeinsam mit experimentellen künstlerischen Ausdrucksformen eine neue Ära begründeten, die bis heute die Arbeit von Künstlern aus Afrika und der Diaspora beeinflusst.[3]

Samuel Fosso, From 1970’s self portrait, date unknown.

The Short Century kam bei den Kritikern insgesamt gut an, die vor allem die Vielzahl  unbekannterer Künstler lobten, sowie die reine Tatsache, dass diese künstlerischen Positionen aus Afrika ihren berechtigten Platz in massentauglichen Museen Europas und der USA einnahmen.[4] Der geschichtliche und politische Hintergrund allerdings, dessen Relevanz Enwezor im Katalog so betonte, wurde in der Ausstellung eher vage dargelegt. Nach Justin Hoffman war es für den Besucher schwierig, die historischen Fotografien und Dokumente mit Inhalten zu verknüpfen, da schlichtweg die Erläuterungen fehlten. Der Narration der Ausstellung zu folgen, setzte ein solides Vorwissen der Geschichte des Kontinents voraus, das Enwezor freilich nicht vom Publikum erwarten konnte.[5] Auch das gigantische Format der Ausstellung blieb nicht unreflektiert. So stellte sich Ashley Dawson die Frage, inwiefern eine Blockbuster-Show einem so umfassenden wie vielschichtigen Thema gerecht werden kann. Ihr zufolge bestehe dabei die Gefahr eines ‚Ausverkaufs‘, der durch die Interessen des internationalen Kunstmarktes beschleunigt werde. Obwohl der Kurator sich um eine Diversität von Darstellungen bemühte, haftete der Show nach Dawson außerdem eine vereinfachte und gleichmachende Version der Unabhängigkeitsbewegungen in Afrika an.[6]

Tshibumba Kanda Matulu, Paintings from The History of Zaïre Series, November 1973 – November 1974.

Relevanz

Die Ausstellung The Short Century, die heute als Vorläufer von Enwezors documenta 11 in Kassel gesehen werden kann, nimmt trotz einzelner Kritikpunkte eine starke Stellung in der Ausstellungsgeschichte ’nicht-westlicher‘ Kunst und Kultur ein. Durch die Tour und das Blockbuster-Format erreichte die Show ein großes Publikum und läutete eine verstärkte Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst aus Afrika und der Zeit der Unabhängigkeitsbewegungen ein. Sie betonte außerdem, dass diese Periode in der Tat keine ‚afrikanische‘ Angelegenheit war, sondern weltweit einen Wendepunkt des 20. Jahrhunderts markierte, der nicht nur politische, wirtschaftliche und soziale, sondern auch philosophische und ideologische Veränderungen mit sich brachte.[7] Die Altlasten reaktionärer Weltbilder, die bis heute wirken, stellte Enwezor nachhaltig in Frage: In The Short Century gelang es ihm ein Bild von Afrika zu vermitteln, das der negativen Berichterstattung unserer Medien über den Kontinent wirkungsvoll Paroli bietet: das eines modernen, selbstbewussten Kontinents.

Catalog for the exhibition „The Short Century“, 2001.

Beteiligte Künstler:

Georges Adéagbo, Jane Alexander, Ghada Amer, Oladélé Bamgboyé, Georgina Beier, Zarina Bhimji, Skunder Boghossian, Willem Boshoff, Frédéric Bruly Bouabré, Ahmed Cherkaoui, Gebre Kristos Desta, Uzo Egonu, Ibrahim El-Salahi, Erhabor Ogierva Emokpae, Touhami Ennadre, Ben Enwonwu, Dumile Feni, Samuel Fosso, Kendell Geers, Kay Hassan, Kamala Ishaq, Gavin Jantjes, Isaac Julien, Kaswende, Seydou Keïta, William Kentridge, Bodys Isek Kingelez, Vincent Kofi, Rachid Koraichi, Sydney Kumalo, Moshekwa Langa, Christian Lattier, Ernest Mancoba, Santu Mofokeng, Zwelethu Mthethwa, John Muafangejo, Malangatana Ngwenya, Thomas Mukarobgwa, Iba Ndiaye, Amir Nour, Uche Okeke, Antonio Olé, Ben Osawe, Ouattara, Gerard Sekoto, Yinka Shonibare, Malick Sidibe, Gazbia Sirry, Lucas Sithole, Cecil Skotnes, Pascal Marthine Tayou, Tshibumba, Twins Seven-Seven, Susanne Wenger und Sue Williamson.

 

Julia Friedel ist Forschungskustodin für Afrika am Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main und  Autorin. Sie studierte Afrikanistik mit den Schwerpunkten Sprachen, Literatur und Kunst (in Bayreuth) und Kuratieren (in Frankfurt am Main).

 

Weiterführende Literatur und Weblinks:

Ashley Dawson, 2003: The Short Century: Postcolonial Africa and the Politics of Representation. In: Radical History Review, Nr. 87. S. 226-236.

Okwui Enwezor (Hrsg.), 2001: The Short Century. Independence and Liberation Movements in Africa 1945-1994. München: Prestel.

Justin Hoffman, 2001: The Short Century.http://www.frieze.com/article/short-century

Kennell Jackson, 2003: Okwui Enwezor, ed. The Short Century. In: African Studies Review. S. 152-153.

Chika Okeke, 2001: Modern African Art. In: Okwui Enwezor (Hrsg.), 2001: The Short Century. Independence and Liberation Movements in Africa 1945-1994. München: Prestel. S. 29-36.

 

[1]   Enwezor 2001: 10.

[2]   vgl. Enwezor 2001: 10-14.

[3]   vgl. Enwezor 2001: 14 und Okeke 2001: 30.

[4]   vgl. Hoffman 2001.

[5]   vgl. Hoffman 2001.

[6]   vgl. Dawson 2003: 227 und 229-230.

[7]   vgl. auch Enwezor 2001: 16 und Jackson 2003: 153.

 

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