Don't Mourn, Organize!...Jibade-Khalil Huffman

Ich interessiere mich mehr für eine kritische Haltung

In der neuen Serie Don't Mourn, Organize! fragen wir Künstler_innen, Schriftsteller_innen und Kurator_innen in den nächsten Wochen und Monaten: wie können wir aus kreativer Perspektive auf den aktuellen status quo reagieren?

Jibade-Khalil Huffman, 'Dance Card or, How to Say Anger When You Lose Control’ ‚ 2017, inkjet on transparency and canvas. Courtesy of the artist

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Bekannte Künstler_innen, die seit Jahrzehnten in den USA leben, sagten uns, dass sie ernsthaft überlegen, nicht in die USA zurückzukehren solange Donald Trump an der Macht ist. Ein einflussreicher New Yorker Kurator schrieb uns noch völlig unter Schock stehend am Tag der Wahl in einer E-Mail: „Winter in Amerika. Es sind auf jeden Fall harte Zeiten. Aber die Leute sind bereit zu kämpfen!“ Wir haben viele ähnliche Äußerungen von Künstler_innen, Kurator_innen, Akademiker_innen, Autor_innen bekommen – emotionale, beeindruckende, besorgte Reaktionen zum aktuellen Status quo. In der neuen Reihe “Don’t mourn, organize!” fragen wir sie in den nächsten Wochen und Monaten: Wie können wir eine kreative Perspektive schaffen, wie konzentrieren wir uns in unseren Reaktionen nicht bloß auf die Ungewissheiten und Krisen, sondern verwandeln stattdessen Ideen in Plattformen und Strategien zur Veränderung?

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C&: James Hetfield, Frontmann der Band Metallica, hat vor Kurzem in einem Interview gesagt, die Wahl von Trump werde keine Auswirkungen auf seine aktuelle Arbeit haben. Er will der neuen Regierung gewissermaßen nicht die Macht geben, Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen zu nehmen. Wie sehen Sie das in Bezug auf Ihre Kunst? Wird diese Wahl Einfluss auf Ihre Arbeit haben?

Jibade-Khalil Huffman: Für diejenigen von uns, die das Wahlergebnis nicht allzu sehr überrascht hat, ist die Vorstellung einer Veränderung und damit die Vorstellung, trotz einer neuen Reihe von Hindernissen zu arbeiten, um zu überleben, in gewisser Weise lächerlich. Mir macht es nur noch mehr Angst, weil wir der echten Katastrophe einen Grad näher sind, was immer „echte Katastrophe“ angesichts der täglichen Briefings über irgendein neues bedrohtes Recht bedeuten mag. Mit Obama waren wir drei, vielleicht dreieinhalb Grad vom Desaster entfernt (wenn man den halben Punkt von seinem Vermächtnis für die ganzen Drohnen und einige andere Themen abzieht, auf die ich hier nicht näher eingehen werde). Und nun stehen wir alle, und ich meine wirklich alle, am Abgrund. Es tut mir leid, dass die Welt für James Hetfield ein wenig beängstigender geworden ist, aber stolz auf seine Widerstandskraft? Ja schon.

 

C&: Wie sehen Sie den Stand der Dinge aus Sicht eines Bürgers, eines Künstlers?

JKH: In der Kunstwelt gibt es mehr als einen Status quo. Es gibt nicht nur die Auktions-/Kunstmessen-/Sammler-Anbiederei/Afterparty-Szene des Mainstream, die man für wichtiger hält als die Nachbild-Bullshitzone (anders und besser gesagt, gibt es verschiedene Kunstwelten). Den Status quo destilliert man am besten in fester Form als Pressemitteilung oder allgemeiner unter dem Begriff der Öffentlichkeitsarbeit heraus. Jenseits dessen kann es selbst in der Malerei-Maschinerie potenziell Verrücktheit oder Skurriles und eine echte fröhliche Stimmung (und eine Anerkennung der Tragödie und Verrücktheit des Todes und so weiter) geben, doch Öffentlichkeitsarbeit reduziert all dies im Wesentlichen zu einem lesbaren „Elevator Pitch“[1].  Wenn sich der Status quo künftig durchsetzt, wird es keine Objekte, geschweige denn vollständig ausformulierte Ideen mehr geben, sondern nur noch Tweets von „Elevator Pitches“.

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Jibade-Khalil Huffman, installation view, Kush is my Cologne, 2017, Anat Ebgi, Los Angeles, pictured (foreground) Untitled (blank verse), 2017, inkjet on transparency (background) Set, 2016, inkjet on canvas. Courtesy of the artist

Jibade-Khalil Huffman, installation view, Kush is my Cologne, 2017, Anat Ebgi, Los Angeles, pictured (foreground) Untitled (blank verse), 2017, inkjet on transparency (background) Set, 2016, inkjet on canvas. Courtesy of the artist

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C&: Sie haben einmal gesagt, im Laufe der Jahre und unter dem Eindruck natürlicher und nicht-natürlicher Kräfte (der Globalisierung) blieben als Hindernisse nur noch Sprache und die oberflächlichen Details örtlicher Traditionen übrig. Sie sind Dichter und bildender Künstler. Was bedeutet Sprache für Sie? Und was wären für Sie die „oberflächlichen Details örtlicher Traditionen“?

 

JKH: Das ist ehrlich gesagt die Frage, die zu beantworten ich mich am meisten fürchte (und man stellt sie mir häufig), vor allem deshalb, weil mir diese Arbeitsweise so in Fleisch und Blut übergegangen ist. Sprache ist für mich der primäre Weg, um Ideen durchzuarbeiten, obwohl ich – was das Publikum angeht – weiter überwiegend bildliche Gegenstände produziere, weil Sprache gelegentlich am jeweiligen Thema vorbeigeht. Es ist wie der Unterschied zwischen Illustration und Bildunterschrift bzw. einem Gegenstand und den Worten, die ein Mensch denkt oder spricht.

 

C&: Wie definieren Sie die Beziehung zwischen Text und Bild? Sie arbeiten mit Video und Fotografie – wie genau gestaltet sich die Beziehung zwischen Fotos, bewegten Bildern und Text?

 

JKH: Ich bilde mir ein, dass ich die Dinge optisch wahrnehme und dass ich, wenn ich nicht zum Zweck der gezielten und primären Informationsaufnahme lese, die Wörter auf der Seite in Beziehung zu allem anderen in der Welt „sehen“ kann. Ich möchte mich außerdem nicht länger mit Hierarchien aufhalten. In manchen Fällen braucht man Hierarchien. Um zum Beispiel meine Metapher der Illustration und Bildunterschrift von oben weiter auszuführen, muss das Bild in vielen Fällen größer sein und die Bildunterschrift muss zum Verständnis dieser speziellen bildlichen Aufzeichnung des Ereignisses beitragen – ganz im Gegensatz zu einem Bild und einem Text, die die Vorstellung von Bildern und Bildunterschriften dekonstruieren und damit unfreiwillig vom Punkt ablenken. Manchmal besteht der Sinn und Zweck jedoch in der Verwechslung des Maßstabs. In den meisten meiner Arbeiten, in denen Text und Bild vorkommen, geht es um diese Verwechslung (etwa um das Unbeschreibliche gewisser optischer Phänomene) in der Welt. Die Frage der Beziehung zwischen Fotografie und Video ist vielleicht – oder zumindest für mich – von größerem Interesse. Einerseits ist sie einfach und hat viel mit äußeren Vorgaben zu tun (diese Handlung oder dieses Objekt eignet sich besser für die Welt als ein Augenblick, in dem die Zeit stillzustehen scheint – der in seinen Implikationen aber selbstverständlich fließend ist – oder als eine Aufzeichnung oder Version einer ganzen Reihe von Augenblicken), aber dennoch wird das Ganze so viel interessanter, wenn man sich das Standbild eines Videos als die Version eines Fotos oder als etwas vollkommen anderes vorstellt.

 

C&: Sie interessieren sich für das Thema Therapie versus Religion in der afroamerikanischen Community. Warum? Und welche Ergebnisse erhoffen Sie sich von dieser Untersuchung?

 

JKH: Ich will damit auf keinen Fall sagen, dass dies eine trennscharfe Unterscheidung, ein Entweder-oder für oder gegen ein Heilmittel für Schwarze ist. Bei der Vorbereitung dieser Ausstellung (Stanza im Studio Museum) wurde mir allerdings klar, dass diese Gegenüberstellung als Leitprinzip der gesamten Ausstellung dienen sollte. Die Lage ist heute komplexer als noch zu der Zeit, als Fredric Wertham die erste Klinik für Psychisch Kranke in Harlem eröffnete, anstatt etwa die eigentliche Geschichte einer Erzählung unterzuordnen, doch es gibt eine Art Entweder-oder (und ich verallgemeinere hier natürlich), das sich erst in jüngster Zeit mit der Praxis der „self care“, der Selbstfürsorge, die nun in aller Munde ist,

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Uploaded image Magazine photo

Jibade-Khalil Huffman, Installation view, “Kush is my Cologne,” 2017, Anat Ebgi, Los Angeles, pictured (l) “Untitled (acid rap),” 2017, archival inkjet print (r) “By the Author of Another Country and Nobody Knows My Name,” 2017, transparencies in lightb

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C&: Dieses Thema – und ganz allgemein der Kontext, die Erfahrung und das tragische Schicksal schwarzer Communities – ist eines Ihrer wichtigsten Themen. Macht Sie das zu einem politischen Künstler? Ist Ihre Kunst politisch?

 

JKH: Ich würde nicht sagen, dass ich ein politischer Künstler bin, obwohl ich auch glaube, dass die meiste Kunst zumindest in gewisser Weise politisch ist, wenn auch nur insoweit, als sie einen gewissen Zustand widerspiegelt oder widerspiegeln kann. Der bloße Akt des Malens, also das Erinnern an ein Thema, ist im weiteren Sinne eine politische Geste. Ich interessiere mich, glaube ich, mehr für eine kritische Haltung, einen Modus, der meiner Meinung nach etwas weniger Gefahr läuft, korrumpiert zu werden, als mich zu einer bestimmten Ideologie zu verpflichten. Eine kritische Haltung bedeutet für mich, verschiedene Ideologien im Widerspruch und im Einklang zu halten. Und dies ist, glaube ich sinnvoller, was das Leben und das Produzieren von Dingen und Ideen angeht.

 

C&: Möchten Sie, dass Ihre Arbeiten jenseits der Kunstwelt Wirkung entfalten?

JKH: Auf jeden Fall. Vielleicht habe ich ohnehin nicht genug Geduld für die Kunstwelt. Es mag zwar sentimental klingen, aber für mich geht es darum, die beste Möglichkeit durchzuarbeiten, um mit Ideen umzugehen und wichtiger noch zu verstehen, wo und wie diese Ideen von einem Publikum aufgenommen werden. Die Form zu verändern und an eine Idee anzupassen ist wichtiger, als in die Geschichte eines bestimmten Mediums einzugehen oder irgend so ein Blödsinn. Wie immer geht es mir mehr um die Idee.

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Jibade-Khalil Huffman : Kush is my Cologne, January 21 – February 25, 2017, Anat Ebgi Gallery, Los Angeles 

 

[1]           Kurzpräsentation, die weniger als eine Fahrt mit dem Aufzug dauert

 

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