Tout-monde denken mit Alya Sebti 

UNTIE TO TIE 

Unsere Autorin Elsa Guily hat sich mit Alya Sebti, Leiterin der ifa Galerie Berlin getroffen, die uns einen Ausblick gewährt auf die kuratorische Saison 2017 UNTIE TO TIE.

Alya Sebti, Director of the ifa Galerie Berlin. Photo by Victoria Tomaschko

By Elsa Guily
Tweet about this on TwitterShare on FacebookEmail to someone

Unsere Autorin Elsa Guily hat sich mit Alya Sebti, Leiterin der ifa Galerie Berlin getroffen, die uns einen Ausblick gewährt auf die kuratorische Saison 2017 UNTIE TO TIE. Sebti erklärt uns die Bedeutung der Beziehung in ihrer kuratorischen Vision, insbesondere im Hinblick auf die Herausforderung der vom Kolonialsystem geerbten Hierarchien des Wissens und der Repräsentation. Sie würdigt das Denken von Edouard Glissant und versucht, in der ifa-Galerie eine Konstellation des «  Tout-Monde  » entstehen zu lassen, die die sozialen, politischen und kulturellen Allianzen auf der lokalen Berliner Bühne wie auch auf der internationalen Ebene zelebriert. 

 

Elsa Guily: Welche Geschichte verbirgt sich hinter dem Titel UNTIE TO TIE? 

Alya Sebti: Sheila Hicks hat einmal gesagt „I tie notes and I untie them“. Das hat mich inspiriert. Das Konzept des „untie“ (entknoten, aufknüpfen, lösen) ermöglicht es, etwas zu dekonstruieren, auseinanderzunehmen. „To tie“ ermöglicht es, etwas zu verbinden, zu verknüpfen, zu vereinigen, Dinge zusammenzubringen, dabei jedoch ihre jeweiligen Unterschiedlichkeiten zu respektieren und diese nicht zu nivellieren. Der Titel verweist auf eine japanische Kunst, die darin besteht, ein Bindemittel aus Gold aufzutragen, um etwas so zu reparieren, dass sich ein neues Ganzes bildet, die Narben der Brüche aber sichtbar bleiben. Bei dem Projekt des Verbindens (to tie) geht es vor allem darum, etwas zu dekonstruieren um es neu zu erschließen. So wie beim Kochen, wo die Herausforderung darin besteht, verschiedene Aromen so miteinander zu mischen, dass die einzelnen Geschmäcker nebeneinander bestehen bleiben. „To tie“ hat ferner auch brutale Konnotationen, dieses Projekt aber soll vor allem die Gewalt der Repräsentationen, der Hierarchien in Frage stellen, die aus den kolonialen Vermächtnissen hervorgegangen sind.

EG: Warum sollte man heute vom kolonialen Erbe sprechen? 

AS: Die erste Herausforderung besteht darin, den Gedächtnisverlust, die Erinnerungslücken, das Schweigen und die historischen Vorurteile rund um die koloniale Frage zu hinterfragen. Und dann geht es darum, dagegen zu kämpfen, dass sie in einer Zeitklammer eingeschlossen wird, als ob sie etwas Vergangenes wäre. Wir erleben heute noch die Auswirkungen der kolonialen Teilung. Der strukturelle Rassismus des Staates und dessen Institutionalisierung wirkt im kollektiven Unbewussten weiter, in unserer Art, die Welt, die uns umgibt zu betrachten und zu evaluieren. Im kuratorischen Konzept weist das Wort Erbe oder Vermächtnis darauf hin, dass es zwar einen Anfang gibt, aber noch kein Ende, und dass wir daran gemeinsam arbeiten müssen. Epistemologisch betrachtet ist dieser Begriff in der Vergangenheit verhaftet und beinhaltet die Vorstellung von Besitz, etwas, was ich versuche aufzulösen. Das Projekt versucht ein Archiv der Zukunft zu schaffen, das mithilfe der digitalen Plattform entwickelt werden soll. Das Ziel ist, in der Gegenwart entstehende Erinnerungen mit einer Vision der Zukunft zu verankern.

Installation view ‘Kolmanskop Dream’ by Pascale Marthine Tayou at ifa gallery Berlin, image: Victoria Tomaschko

EG: Wie wird in den einzelnen Kapiteln eine Verbindung hergestellt zwischen diesem kritischen Denken über koloniale Vermächtnisse und unseren heutigen Gesellschaften? 

AS: Im ersten Kapitel  Kolmanskop Dream wird das Glissantsche Denken in einen Zusammenhang gestellt mit der Arbeit von Pascale Marthine Tayou. Wir starten bewusst mit einer Präsentation des Gedankens des Tout-monde von Edouard Glissant, um zu betonen, dass dieses Programm ebenso auf einem transregionalen Ansatz beruht wie die Gegenwart Vergangenes und Zukünftiges umfasst. In einer in Zusammenarbeit mit dem Institut Français und dem Centre Marc Bloch veranstalteten Reihe von Veranstaltungen zur Literatur wird es Gelegenheit geben, kritische Antworten auf die Frage der Moderne zu finden. Hier folgen wir dem Gedanken von Walter Mignolo, dass es ohne das Koloniale keine Moderne gibt. Im Leseraum Center of Unfinished Business lädt außerdem C& ein zu verschiedenen Veranstaltungen rund um die Vorstellung ihres Buches bei ACUD. Das zweite Kapitel beschäftigt sich dann mit Phänomenen des urbanen kulturellen Ausdrucks über Kleidung und Mode, Musik, Tanz und Sprache als Reaktionen auf koloniales Erbe. Als Gastkuratorin konnte Marina Reyes Franco gewonnen werden, die unter anderem das Themenfeld Tourismus eingehender untersuchen wird. Alex Moussa Sawadogo, Gründer des Festivals Afrikamera, hat Carte blanche für eine Veranstaltung zu den kongolesischen Sapeurs und dem Hip Hop. Das Schwerpunktthema des dritten Kapitels heißt Feminismen. Gastkuratorin Eva Barois de Caevel wird eine Soloshow der Künstlerin Wura Natasha Ogunji präsentieren. In einer eigenen Filmreihe werden Frauen gewürdigt, die an den Befreiungsbewegungen beteiligt waren, deren Namen aber aus der Geschichte gelöscht wurden. Das vierte Kapitel eröffnet dann mit der von Natasha Ginwala kuratierten Gruppenausstellung On Riots and Resistance, das sich mit dem Thema Aufstand und Widerstand auseinandersetzt, die von den Autoritäten wie von den Medien allzu häufig unterschätzt, marginalisiert und erstickt werden.

The C& Center of Unfinished Business at ifa gallery Berlin, image: Victoria Tomaschko

EG: Wie gelingt es dem Projekt UNTIE TO TIE, ausgehend von den drei Säulen Kunst im Dialog, Lese- und Hörstation und digitale Plattform, eine kritische Konstellation zu schaffen?

AS: Geplant ist, mit verschiedenen Formaten zu experimentieren, möglichst viele Öffnungen und Übergänge zu schaffen und die Vielfalt der Verbreitungswege zu nutzen, um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Das Ganze existiert in einem organisierten Chaos, in dem die Polyphonie sich dem Konzept der einen Stimme widersetzt. Die sensorische Plattform experimentiert in den Ausstellungen in der Galerie mit Klangperformances und kulinarischen Interventionen, und eröffnet damit jenseits des Sehens auch Zugänge zu anderen Sinnen. Die Meeting Points und Veranstaltungen der Kunst im Dialog bilden die diskursive Plattform: die Positionen der in der Ausstellung präsentierten KünstlerInnen treten hier in einen Dialog mit dem öffentlichen Programm, das von externen Gästen orchestriert wird. Die Diskussionen können dank der Dokumentationen anschließend im digitalen Forum fortgesetzt werden. Auch die Meeting Rooms werden in jedem Kapitel weiterentwickelt. Im Leseraum Center of Unifnished Business von C& werden Schriften, Bücher, Bild- und Textmaterialien für die BesucherInnen bereitgestellt. Die Hörstation, die von Saout Radio betrieben wird, liefert Podcasts zu den Themen der einzelnen Kapitel, die in Zusammenarbeit mit verschiedenen KünstlerInnen realisiert werden. Und schließlich werden im Abschnitt Kunst und Bildung unter der Leitung von Annika Niemman in Zusammenarbeit mit Claudia Hummel und ihren Studierenden der UdK Unterrichtsmaterialien für die Auseinandersetzung mit der deutschen kolonialen Vergangenheit in der Schule entwickelt.

EG: Worin besteht diese besondere Bereicherung durch die Dimension des Klangs, die es ermöglicht, Allianzen und Widerstände gegen das Koloniale zu bilden? 

AS: Die Oralität nimmt eine zentrale Rolle ein, die unterstützt werden muss. SAVVY arbeitet seit Jahren zum Nicht-Geschriebenen. Sie waren die ersten in Berlin, die diese ja eigentlich offensichtliche Realität herausgestellt haben, dass das, was geschieht, nicht unbedingt repertorisiert wird, sondern vielmehr über Erfahrungen und Begegnungen zirkuliert. An der Oralität fasziniert mich die Möglichkeit, Realitäten reaktivieren zu können. Mir ist es wichtig, geltend zu machen, dass das Geschriebene im Mündlichen sein Gegenüber haben muss. Das Programm der Hörstation liegt mir daher besonders am Herzen, denn es setzt diese Tradition fort, indem es das Klangliche als subversives Mittel der Kontamination herausstellt. Das ist eine Position, deren Entwicklung mich seit 2011 und dank unserer Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen von Saout Radio beschäftigt. Mit Younes Baba Ali und Anna Raimondo hatte ich bereits 2014 anlässlich der Biennale in Marrakech mit Klanginterventionen im öffentlichen Raum zum oralen Kulturerbe des Jamaa El-Fna-Platzes zusammengearbeitet.

EG: Worin besteht also die Rolle der Kuratorin? 

AS: Ich lege mehr Wert auf Erfahrungen vor Ort als auf die Theorie, Intuition ist mir wichtiger als akademisches Wissen. Es sind die Begegnungen, die die Dinge in Bewegung bringen und ihnen eine Richtung geben. Eine Kuratorin ist eine Moderatorin, sie ist Übersetzerin zwischen KünstlerInnen und Publikum, mit den Institutionen oder auch nicht. Es ist dieses permanente Übersetzen, das mich fasziniert, das Vermitteln, dieses verbindende in between.

.

UNTIE TO TIE – On Colonial Legacies and Contemporary Societies, 30. März 2017 – 30. März 2018, ifa Galerie Berlin

 

.

Elsa Guily ist Kunsthistorikerin und arbeitet als unabhängige Kritikerin in Berlin. Ihr Schwerpunkt sind die Beziehungen zwischen Kunst und Politik.  

 

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.

Don't miss out

Sign up to our newsletter now to get the latest stories from CONTEMPORARY AND (C&) delivered straight to your inbox

Thank you!

You have already signed up

Thank you!

We’ve successfully received your details.

To complete the subscription process, please click the link in the email we just sent you.