Giving Contours to Shadows

„Man darf die Geschichte nicht nur den Historikern überlassen.“

C& im Gespräch mit Bonaventure Ndikung, künstlerischer Leiter von SAVVY Contemporary und Marius Babias, künstlerischer Leiter von n.b.k., die sich zusammen geschlossen haben, um das multidisziplinäre Kunstprojekt

Emma Wolukau-Wanambwa, Nice Time, 2014, Ausstellungsansicht SAVVY Contemporary, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / SAVVY Contemporary /Jens Ziehe

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C&: Der Titel „Giving Contours to Shadows“ nimmt Bezug auf Edouard Glissants Konzept der Opazität. Wie kamt ihr denn darauf?

Bonaventure Ndikung: Glissants Idee der Opazität sagt eigentlich aus, dass man die Geschichte nicht unbedingt lückenlos erzählen kann. Das sieht man vor allem am Beispiel der Karibik: Wenn man Menschen aus einem bestimmten Teil der Welt an einen anderen Teil der Welt transportiert, ist es klar, dass es diese Lücken gibt. Glissant hat das zum ersten Mal 1969 bei einer Konferenz mit Octavio Paz an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) vorgetragen, und alle haben gedacht: Was ist das für ein verrückter Typ? Was soll das bedeuten? Die Historiker haben ihn fast gelyncht! 40 Jahre später sind alle vor ihm auf die Knie gefallen. Es gibt diese Lücken und das ist auch gut so. Aber wichtig für diese Ausstellung war eigentlich seine These, dass man die Geschichte nicht nur den Historikern überlassen darf. Wir alle – in seinem Fall ging es allgemein um Autoren – haben das Recht, Geschichte zu schreiben. Indem wir Geschichte schreiben, tragen wir auch zum Aufbau der Gesellschaft bei. Das war so ein Ausgangspunkt für meine Kollegin Elena Agudio und mich, der das Ganze ins Rollen gebracht hat.

C&: Ihr habt neben den Ausstellungen bei SAVVY Contemporary und im Neuen Berliner Kunstverein (n.b.k.) mehrere Satellitenprojekte, u.a. in Lagos und Nairobi. Wie habt ihr eure Auswahl getroffen? 

BN: Uns war die Verortung wichtig. Welche Orte sind besonders interessant und welche Diskurse? Was gibt es für Themen, die die Leute interessieren? So kamen wir z.B. auf Nairobi. Dort sprachen wir über Themen wie Vergessen, über Amnesie. Unser Kooperationspartner Jimmy Ogonga hat über Jahre gemeinsam mit Kurator Simon Njami und anderen ein Projekt über Amnesie gemacht. Zusammen mit meinem Kollegen Storm Janse van Rensburg war es mir wichtig, KünstlerInnen, aber auch Intellektuelle wie Jacob Barua, Wanja Kimani, Tom Odhiambo, Ato Malinda, Miriam Syowia Kyambi oder Binyavanga Eric Wainaina zusammenzubringen, um über Themen wie Beyond Amnesia: Alternative Narrations oder The Written, The Spoken: Legends, Myths, Fictions & Histories zu sprechen. Es ging darum, wie Satelliten wirklich funktionieren, zu untersuchen, was da läuft, aber auch Spotlights auf diese Städte zu setzen.

Alexandre Singh, Assembly Instructions: The Pledge (Donatien Grau), 2012 / Adelita Husni-Bey, (On) Difficult Terms, 2013, Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Alexandre Singh, Assembly Instructions: The Pledge (Donatien Grau), 2012 / Adelita Husni-Bey, (On) Difficult Terms, 2013, Ausstellungsansicht Neuer Berliner Kunstverein, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

C&: Wie positioniert ihr Deutschland als einen der Ausstellungsorte?

BN: Wenn man bedenkt, dass die Teilung Afrikas hier in Berlin stattgefunden hat, macht es ja nur Sinn, Deutschland als Ort mit dabeizuhaben. Man kann nicht von einer deutschen Geschichte sprechen, ohne an Afrika zu denken und umgekehrt. Man spricht hier von verwobenen oder geteilten Geschichten (entangled histories), auch wenn diese Verwobenheit asymmetrisch ist. Dazu kommt die Tatsache, dass die Deutschen sehr stark daran interessiert sind, ihre Kultur in der Welt zu verbreiten. Goethe-Institute und andere deutsche Institute gibt es überall in der Welt! Es geht um kulturelle Macht, aber auch um kulturellen Austausch. Im TURN-Projekt geht es ja um Dialoge, um Kollaborationen zwischen afrikanischen Ländern und Deutschland. Man soll voneinander lernen. So haben wir das zumindest verstanden und so auch unser Projekt strukturiert. Es gibt viele Diskurse aus dem afrikanischen Kontinent, die auch hier in Deutschland von Bedeutung sind. Und Deutschland kann vieles von afrikanischen Ländern lernen.

Marius Babias: Im Vergleich mit den Förderprogrammen anderer Länder muss man einräumen, dass Deutschland seine Kultur defensiv verbreitet. Natürlich stecken dahinter nachgeordnete politische und ökonomische Interessen, und wir wissen auch, dass diese Zurückhaltung mit der Nazi-Vergangenheit zu tun hat. Damals bestand die Politik Deutschlands – beispielsweise gegenüber den Balkan-Staaten, in der „Großraumordnungspolitik“ der Nazis als willenlose, unterwürfige „Heloten“-Staaten definiert – darin, sie kulturell und politisch gegeneinander auszuspielen sowie wirtschaftlich auszubeuten. Heute will man reparieren, was im Namen Deutschlands verübt worden ist. Diese auch 70 Jahre nach Kriegsende nachhaltig wirkende Einstellung haben wir zum großen Teil den USA und ihren Entnazifizierungs- und „Re-education“-Programmen zu verdanken, was angesichts des grassierenden Antiamerikanismus gerne verdrängt wird.

C&: „Giving Contours to Shadows“ wird unter anderem aus dem TURN-Programm der Kulturstiftung des Bundes finanziert.

MB: Kulturelle Manifestationen prägen nicht nur das Selbstbild, das wir von uns haben, sondern diffundieren auch in der breiten Gesellschaft und erzielen Wirkung. Deshalb erachte ich die Förderprogramme und inhaltlichen Schwerpunkte der KSB und anderer Stiftungen für so wichtig. Das Ausstellungskonzept von Savvy Contemporary existierte unabhängig von uns. Gemeinsam mit den Kuratoren und der KSB haben wir überlegt, wo und wie man ein solch großes Projekt platzieren könnte. Für den Neuen Berliner Kunstverein spricht, dass wir über die Jahre ein Programm entwickelt haben, das Kunst und Kultur als Medien einer kritischen Welt- und Selbstbetrachtung versteht – und insofern ideal mit dem Ansatz von „Giving Contours to Shadows“ korrespondiert. Der Antrag wurde also bewilligt – es hat aber noch nicht gereicht, um so ein Riesenprojekt zu finanzieren. Wir haben dann glücklicherweise noch eine große finanzielle Unterstützung von der Schering-Stiftung erhalten. Und wir als Neuer Berliner Kunstverein geben aus unserem regulären Etat auch eine Summe dazu.

BN: Mir war wichtig, einen Ort in Berlin mit einem sehr guten Profil zu finden. Eine Plattform, auf der man sowohl einen Diskurs wirklich stattfinden lassen als auch mutig sein kann. SAVVY Contemporary hat für sich diesen Platz ja schon in Berlin beansprucht … Wir sind zwar eine kleine Institution ohne Finanzierung, aber mit sehr viel Lust, eine epistemologische Diversität anzutreiben. Um dieses Ziel zu erfüllen, brauchen wir auch gute Partner wie den n.b.k.

nbk_Lerato_Shadi_Performance.jpg Lerato Shadi, Mosaka wa nako, 2014, Performance im Neuen Berliner Kunstverein, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

Lerato Shadi, Mosaka wa nako, 2014, Performance im Neuen Berliner Kunstverein, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / Jens Ziehe

C&: Ihr habt sehr viele unterschiedliche KulturproduzentInnen involviert. Junge, aber auch bereits renommierte Akteure wie Simon Njami …

BN: Aber du merkst, fast alle Künstler sind nach 1970 geboren. Uns war es wichtig, mit KünstlerInnen einer bestimmten Generation zu arbeiten. Mit Leuten, die auch nicht unbedingt Kolonialismus erfahren haben, aber diesen immediate turn zur Postkolonialzeit erlebt haben. Es gibt eine wunderbare Publikation von Esiaba Irobi mit dem Titel „The Problem with Postcolonial Theory“. Und er sagt tatsächlich, das Problem der postkolonialen Theorie sei, dass man sich immer nur durch die Augen des anderen sieht. Man sieht sich selbst nicht. Man versucht sich durch den anderen zu legitimieren. Aber ich bin der Meinung, dass wir so weit sind, dass wir das nicht mehr brauchen. Die koloniale und die postkoloniale Geschichte sind sehr wichtig, aber sie sind nur ein Teil der Geschichte des Nicht-Westens. Meine Generation braucht neue Narrativen, neue Zugänge zu einer prä-kolonialen Geschichte, zu der Kolonialgeschichte und zu unserer Gegenwart. Wir müssen die Texte von Cheikh Anta Diop und Martin Bernal neu lesen und neu interpretieren. Wir müssen die politischen und kulturellen Positionen von Vordenkern wie Léopold Sedar Senghor oder Jomo Kenyatta, Aimé Césaire oder Mongo Beti in unserer Zeit situieren. Wir müssen die Theorien und Philosophien von Glissant, Trouillot und Walcott verinnerlichen und von Kuratoren wie Njami und Enwezor lernen.

C&: Den jungen KünstlerInnen heute, mit denen man so redet, geht es nicht mehr um die geography, sondern um die biography, das Eigene. Der eine hat mal in Paris studiert und wohnt jetzt wieder in Nairobi und der andere war immer in Jo’burg. Deine Arbeit wird beeinflusst durch deine eigene Biographie und nicht durch die Kolonialgeschichte deines Landes. 

BN: Es ist komplizierter und das alles wird überbewertet. Es geht in dieser Ausstellung um Geschichte, um das Erzählen, um Fiktion. Das ist schwer zu bewerkstelligen ohne Geographie oder Biographie, aber es gehört auch mehr dazu. Die Ausstellung hat ja fünf große Themen. Und die KünstlerInnen sind danach ausgesucht worden. Zu einem Thema wie „Performing and Embodying History“ sucht man natürlich Leute, die am Performativen interessiert sind. Wie kann der Körper Geschichte erzählen? Die Art und Weise, wie wir gestikulieren, wie wir laufen, wie wir performen. Das ist alles Geschichte und das wollen wir auch sehen – Embodiment. Esiaba Irobi hat hier von „the body as site of discourse“ gesprochen.

Kiluanji Kia Henda, Homen Novo Series, 2009 – fortlaufend, Ausstellungsansicht SAVVY Contemporary, 2014 © Neuer Berliner Kunstverein / SAVVY Contemporary /Jens Ziehe

C&: Während der Biennale in Dakar wurde von lokalen Journalisten diskutiert, warum das Biennale Village für die BewohnerInnen der Stadt so schlecht zu erreichen sei. Das führt ja auch immer wieder zu der Frage, ob so eine Biennale, zu der die Kunstszene angereist kommt, irgendeine Rolle für die Gesellschaft vor Ort, für die Leute in Dakar, spielt. Wie wichtig ist euch, dass hier in Berlin die lokale Diaspora etwas von eurer Ausstellung und den Talks mitbekommt? 

MB: Du sprichst da etwas sehr Komplexes an. Auf der einen Seite ist es ja sehr schön, dass in Dakar und Marrakesch, Bukarest und La Paz jetzt Biennalen größeren und kleineren Ausmaßes stattfinden. Auf der anderen Seite sind Biennalen auch Marktplätze, wo das „Andere“ zum Coming-out animiert wird, um es für die kapitalistische Verwertung gefügig zu machen. Zudem liefern sie Alibis für den Kulturbetrieb und entschulden Institutionen im Westen von der Aufgabe, sich um die Peripherien zu kümmern. Das Gute an Bonaventures Konzept ist, dass Afrika bis in die Diaspora hinein thematisch und geographisch entzerrt wird. Eine zentrale Aussage des Projekts ist die Selbstermächtigung der Subalterne zur Geschichtsschreibung, eine zweite die Verschränkung zwischen Kunst und post-postkolonialer Theorie. Die Verteilung der KünstlerInnen und Round-Table-Gäste, insgesamt 50 TeilnehmerInnen, auf fünf Satellitenprojekte auf dem afrikanischen Kontinent und in Berlin auf vier Ausstellungsorte – Neuer Berliner Kunstverein, Savvy Contemporary, Maxim Gorki Theater und Gemäldegalerie – und den öffentlichen Raum ist eine taktische Meisterleistung. So erreicht die zentrale Fragestellung von Unterdrückung und aktiver Selbstbefreiung dann doch das westliche Machtzentrum.

BN: Ich will einfach mal behaupten, dass es Leute wie die Jungs um Serge Olivier Fokoua von RAVY in Yaoundé gibt, die seit Jahren ein Performance-Festival machen. Wenige aus der „westlichen“ Kunstwelt kennen sie, aber sie machen ihr Ding konsequent weiter. Sie produzieren neues Wissen und experimentieren und brauchen keine Anerkennung vom Biennalesystem. Es gibt Performance-Künstler aus aller Welt, die da hinpilgern. Sie werden nicht auf der Frieze oder auf der Art Basel sein, aber sie machen ihre Arbeit. Und das ist gerade das, was ich wichtig finde. Diese Diskussionen, ob Biennalen wichtig sind oder nicht, sind rein westliche Diskussionen, ein Symptom der Überflussgesellschaft. Die Leute, die Biennalen in Bahia, in Cartagena, in Benin oder São Tomé e Príncipe machen, verschwenden keine Zeit damit, zu überlegen, ob das wichtig ist oder nicht. Fest steht, Biennalen haben immer eine Wirkung in der Gesellschaft.

Oder lasst uns mal ein bisschen zurückgehen. Die Kulturzeitschriften, die in den 1960er Jahren publiziert wurden, z.B. ABBIA in Kamerun, oder Soufflé in Marokko, kennt heute fast niemand! Aber es wurden brillante Artikel geschrieben, und die gibt es. Wer Interesse daran hat, soll hingehen und sie lesen!

C&: Das stimmt, gerade diese Verschiebung der Perspektive ist wichtig. Das von dir erwähnte Festival gibt es seit Jahren und dort interessiert niemanden, dass der „Westen“ nicht vor Ort ist, denn der Westen ist nicht das Zentrum. Motto: Ich bin hier! Das ist mein Zentrum!

BN: Andererseits können wir alle nicht wie auf einer Insel leben. Es geht ja um Korrespondenz. So radikal sie sein wollen, ist es ja auch gut, mit anderen Leuten vernetzt zu sein. Nur muss man wissen, wo man herkommt und was man überhaupt machen will – und dazu stehen.

Giving Contours to Shadows, SAVVY Contemporary und n.b.k., 24. Mai – 31 Juli, 2014, Berlin.

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Ein Gespräch von Julia Grosse

 

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