#BlackHistoryMonth

Where Do We Go From Here?

Zu Ehren des #BlackHistoryMonths ein weiterer Artikel aus dem C& Archiv! Die Kulturanthropologin Misa Dayson analysierte die Implikationen der mit der Bürgerrechtsbewegung verbundenen Bilder und suchte einen zeitgenössischen Zugang zu den Ikonen dieser ganz besonderen Zeit der Geschichte.

'Hands up, Don't Shoot.‘ Black and white photo of a memorial placed during protests. 2014. Author: Jamelle Bouie.

By Misa Dayson
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Wenn über die Bürgerrechtsbewegung gesprochen und reflektiert wird, rufen die meisten Menschen in den USA und überall auf der Welt unweigerlich Bilder ab. Ungeachtet der zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Geschichtsbücher, Anthologien, Autobiografien, Biografien, Essays, persönlichen Tagebücher und Briefe von und über symbolträchtige Menschen und führende Persönlichkeiten jener Zeit sind es Fotos und Filme, die die weltweite Aufmerksamkeit fesseln. Beides sind Medien, durch die jene von uns, die diesen historischen Moment nicht erlebt haben, etwas darüber erfuhren. Die Bilder, die sofort vor meinem inneren Auge auftauchen, wenn ich an die Bewegung denke, sind jene, die mir zuerst als Kind und Jugendliche begegneten. Aufgrund der Gewalt, die darin eingefangen ist, haben sie mir keine Ruhe gelassen.

Das erste Bild: Eine Schwarzweißaufnahme des entstellten, aufgedunsenen Gesichts von Emmett Till, der in seinem Sarg liegt. Dieses Foto verstörte mich als Grundschülerin, als ich meine erste Lektion über das psychotisch-gewaltförmige Wesen weißer Hegemonie lernte.

Das zweite Bild: Ein Wochenschau-Schwarzweißfilm über Elizabeth Eckford, eine der Schwarzen Schülerinnen, die an der Little Rock High School in Arkansas die Rassentrennung durchbrach. Langsam und ruhig geht sie auf die Schule zu, die von einem Mob aus hunderten blindwütig brüllenden weißen Menschen umstellt ist, die ihr den Weg versperren. Manche spucken sie an. Irgendwann, als klar wird, dass der Mob nicht zulassen wird, dass sie die Schule erreicht, setzt sie sich ruhig auf eine Bank. Der Mob nähert sich, umstellt sie, brüllt sie an. Aus der Gruppe tritt plötzlich eine weiße Frau hervor und setzt sich zu Eckford auf die Bank, um sie am Ende in Sicherheit zu bringen. Dieser Film lehrte mich als Jugendliche etwas über die Bereitschaft gewöhnlicher Menschen, unterschiedliche Stufen von Gewalt und Terror auf andere auszuüben, um den rassistischen Ist-Zustand aufrechtzuerhalten. Er lehrte mich auch, wie wichtig es ist, zu wissen, wann man sich aus der Mobhaltung herauslösen und auf anständige und gerechte Weise handeln und sprechen muss.

Ein drittes Bild: Filme und Dokumentarberichte über die Bürgerrechtsbewegung – Protestierende, oft Schwarze Jugendliche, werden durch das Wasser, das aus Hochdruckfeuerwehrschläuchen schießt, an Häuserwände gedrückt oder von Deutschen Schäferhunden angegriffen. Sie zeigten mir, was es bedeutet, sich zu engagieren und für die Prinzipien einzustehen, an die man glaubt.

Zurzeit spukt mir ständig ein anderes Bild im Kopf herum, seit der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten am 25. Juni 2013 ein Urteil verkündete, das das Voting Rights Act (Wahlrechtsgesetz) von 1965 komplett aushöhlt. Es sind die drei aufgereihten Schwarzweißbilder von James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner, die im Rahmen des Freedom Summer von 1964 nach Mississippi fuhren. Ihre Leichen fand man erschossen, gefoltert und verbrannt – zur Vergeltung ihrer aktivistischen Anstrengungen. Ich denke an die Familien dieser drei Männer und an die zahllosen unbekannten Frauen und Männer, die in dieser Zeit umgebracht wurden, im Kampf für bessere politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Lebensbedingungen für Schwarze Menschen in den Vereinigten Staaten. Ich frage mich, was sie denken, wenn sie sehen, wie die rechtlichen Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung in diesem Land systematisch abgebaut werden – durch restriktive Wählerausweisgesetze, elektronische Wahlmaschinen sowie unzugängliche und beschränkende Verfahren am Wahltag. Erscheint ihnen der Tod ihres Bruders/Onkels/Ehemanns/ihrer Ehefrau/Schwester/Mutter/ihres Vaters/Cousins umsonst gewesen zu sein?

Carrie Mae Weems, Untitled (Man reading newspaper), 1990, silver print, 28 1/4 x 28 1/4 inches, 29 x 29 x 1 1/2 inches framed © Carrie Mae Weems. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York

Carrie Mae Weems, Untitled (Man reading newspaper), 1990, silver print, 28 1/4 x 28 1/4 inches, 29 x 29 x 1 1/2 inches framed © Carrie Mae Weems. Courtesy of the artist and Jack Shainman Gallery, New York

Die Definition des Wörterbuches Merriam-Webster für „Vermächtnis“ lautet: „Etwas, das von einem Vorfahr oder Vorgänger oder aus der Vergangenheit weitergegeben oder entgegengenommen wird.” Wenn man von einem Vermächtnis spricht, dann meint das etwas, das abgeschlossen oder erreicht wurde und dann von Generation zu Generation bis in die Gegenwart weitergegeben wurde. Die Bürgerrechtsbewegung ist nicht abgeschlossen, denn die Ziele für wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit der Bewegung sind nicht erreicht. Fünfzig Jahre später scheinen viele von uns diesen entscheidenden geschichtlichen Umstand vergessen zu haben.

Ohne solche Fotografen wie Gordon Parks, Benedict J. Fernandez und Leonard Freed wären viele der Erfahrungen und Perspektiven Schwarzer AmerikanerInnen überhaupt nicht sichtbar gewesen oder diskutiert worden. Allerdings ist es beunruhigend zu beobachten, dass wir über die Jahre die berühmten AktivistInnen, PolitikerInnen und AutorInnen der Bewegung in einem Maße gefeiert haben, dass die Allgemeinheit vergessen hat, zwischen den Ereignissen der Veränderung und der anhaltenden sozialen Bewegung für Veränderung zu unterscheiden. Stattdessen haben wir die Bürgerrechtsbewegung vermarktet und kommerzialisiert. Beispielsweise verwendete der globale Kommunikationskonzern Alcatel die Rede „I Have a Dream“ von Martin Luther King Jr. für einen Fernsehwerbespot, worin eine digitale Neuauflage des berühmten Marsches nach Washington Dr. King zeigt, wie er vor einer schweigenden und leeren National Mall spricht. Die kollektive Präsentation der Bewegung als gewaltig, effektiv und abgeschlossen hat unser Denken über die Vergangenheit und deren Relevanz für die Gegenwart ausgeschaltet.

Es ist jedoch ein Kampf, der weitergeht, woran die Bilder aus dem letzten Jahr uns schmerzlich erinnert haben: Eric Garner, der von New Yorker Polizisten zu Boden geworfen und getötet wird. Die auf der Straße liegende Leiche von Michael Brown, nachdem er von Darren Wilson, einem Polizisten aus Ferguson, erschossen wurde. Janay Rice, die von ihrem Mann Ray Rice bewusstlos geschlagen wird. Immer wenn ich mich im letzten Jahr auf Facebook oder Twitter einloggte, sprang mir ein neues Bild medialer Gewalt entgegen. Doch diese Bilder ermöglichten kein sofortiges Verstehen oder eine direkte Diskussion über die gesellschaftlichen Kontexte, in denen sie standen. Sie erinnerten uns auf qualvolle Weise daran, dass die Wahl eines Schwarzen Mannes zum Präsidenten der Vereinigten Staaten weder die unterdrückenden, ineinander greifenden und sich gegenseitig begünstigenden Matrizes sozialer Macht bezwingt, die die Autorin bell hooks treffend „imperialistisch-weiß-hegemonial-kapitalistisch-heterosexuelles Patriarchat“ nennt, noch die dazugehörige Gewalt in diesem Land und auf der ganzen Welt. Fetischisieren wir als Öffentlichkeit die Bilder der Gewalt, die auf schwarze männliche Körper ausgeübt wird, auf eine Art, die unser politisches Verständnis dieser Situationen und unsere Bemühungen eine Veränderung zu bewirken, einschränkt? Welche Konsequenzen hat der gesellschaftliche und politische Aktivismus, der als Reaktion gegen ein Ereignis stattfindet, statt für ein klar formuliertes Ziel?

Fünfzig Jahre nach der Unterzeichnung des Voting Rights Act stehen wir vor der Herausforderung, jene zu würdigen, die auf unzählige Arten an vorderster Front der Bewegung standen, unter anderem, indem sie sie bildlich dokumentierten, ohne uns von den Bildern und dem, wofür sie stehen, lähmen zu lassen. Der neue Film Selma von Ava DuVernay verdeutlicht diese Tatsache nicht nur auf perfekte Weise, sondern unterstreicht auch, worin die wirkliche Macht der Kunst und visueller Bilder liegt. Zwar verlässt er sich auf eine historische Bildlichkeit, zeigt jedoch, wie kollektives Handeln dadurch inspiriert wurde, dass Menschen über die Grenzen von „Rasse“, Klasse, Bundesstaaten und Ländern hinweg persönlich ineinander investierten. Wenn wir das Vermächtnis der Bürgerrechtsbewegung wirklich würdigen und feiern wollen, können wir mehr tun, als immer wieder nur auf dessen visuelles Erbe zurückzukommen. Wir müssen den Kampf für soziale Gerechtigkeit am Leben erhalten und – jetzt – unseren Teil leisten, um einen noch nicht erreichten Traum zu verwirklichen.

 

Misa Dayson ist in Harlem geboren und aufgewachsen. Sie ist Autorin, Filmemacherin und promoviert derzeit in Anthropologie an der University of California, Los Angeles.

 

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