Making Art Global (Part 2): Magiciens de la Terre 1989

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Im Jahr 1989 brachte eine Ausstellung in Paris die Arbeiten von über hundert Künstlern zusammen. Da nur die Hälfte von ihnen aus dem „Westen“ kam, stellte die Schau eine radikale Infragestellung des westlichen Kunstsystems dar. „Magiciens de la Terre“ bezog Stellung für die Universalität des kreativen Impulses und präsentierte zeitgenössische Kunstwerke aus der ganzen Welt auf einer gleichberechtigten Art und Weise, mit dem Ziel, unmittelbare ästhetische Erfahrungen möglich zu machen. 

 

Making Art Global (Part 2): ‘Magiciens de la Terre’ 1989 ist eine neue, bei Afterall erschienene Publikation, die ihren Fokus mit vielen Abbildungen und Texten auf die legendäre Pariser Ausstellung richtet. Das neue Buch ergänzt den Band Making Art Global (Part 1): The Third Havana Biennial 1989  und enthält Beiträge von Pablo Lafuente und Jean-Marc Poinsot, erstmals veröffentlichte Essays von Jean-Hubert Martin und Gayatri Spivak, Reaktionen von Frédéric Bruly Bouabré, Alfredo Jaar und Barbara Kruger sowie Archivtexte von Rasheed Araeen, Jean Fisher und Thomas McEvilley.

Jean-Hubert Martins 1986 verfasstes kuratorisches Statement zur drei Jahre später stattfindenden Show wird  exklusiv in Making Art Global (Part 2): ‘Magiciens de la Terre’ 1989 abgedruckt. 1986 hatte Martin den ersten von zwei Orten für seine Ausstellung gesichert, die Grande Halle de La Villette. Eine überarbeitete Fassung des Statements wurde 1989 als Teil des Pressematerials für die Ausstellung gedruckt.

Speziell für C& hat Martin einen Auszug aus dem Statement ausgesucht:

 

Die Kunst lebt vom Tod der Kunst

Jean Hubert Martin

Die Idee des Kunstwerks ist eine spezifische Erfindung unserer Kultur. Viele Kulturen kennen sie nicht. Gleichwohl stellen auch solche Kulturen visuelle und statische Objekte her, deren wesentliche Bestimmung es ist, den Geist zu transportieren.

Es ist dieses geistige Potenzial, das sowohl heiligen oder magischen Objekten wie auch unseren Kunstwerken innewohnt, welches die Ausstellung „Magiciens de la Terre“ beleuchten möchte. Zu viele künstlerische Aktivitäten sind heute auf intensive Produktivität ausgerichtet, welche dazu tendiert, die eigentlichen geistigen Werte zu entwerten. Die Ausstellung wird Künstler aus aller Welt miteinander konfrontieren, und nicht nur aus den entwickelten kapitalistischen Ländern. Die Künstler werden als Individuen auftreten, die natürlich aus einer bestimmten Kultur kommen, aber keinen Staat und keine Nation repräsentieren.

 

Die aktuelle Lage der westlichen Kunst

Die Philosophie Hegels postulierte das Ende der Kunst aufgrund der Schwächung des religiösen Glaubens. Doch die Produktion von Kunstwerken reißt nicht ab. Ohne von einer Religion der Kunst reden zu wollen, ist trotzdem zu beobachten, dass dieses Aktivitätsfeld, diese Disziplin, in unserer Gesellschaft den Platz einnimmt, der dem Spirituellen oder dem Metaphysischen zukommt, der das Materielle oder Rationale transzendiert.

Es ist schon paradox zu beobachten, wie Künstler „offene Werke“ (im Sinne Umberto Ecos) schaffen, deren Bedeutung von den Beobachtern gestiftet werden soll, oder gar Arbeiten, die absichtlich inhaltsleer sind. Manche Werke greifen archaische Muster auf in einer scheinbaren Nachahmung sogenannter „primitiver“ Werke, als ob sie einem verlorenen Sinn nachspürten. Die Arbeiten, die absichtlich leer bleiben, wollen sich offensichtlich der Sprache widersetzen, über das einfache Spiel der Interpretationen hinausgehen, um ein Absolutes, das der Form und der Farbe, zu erlangen. Der hohe finanzielle Wert vieler dieser Werke in unserer Gesellschaft, in der Geld ein wesentliches Kriterium ist, führt vor, dass man sich hier auch der Ratio widersetzt. Wenn es für die, die sich mit diesen Praktiken beschäftigen, keine Magie hinter deren teilweise sehr materialistischen Erscheinungsbildern gäbe, wie ließen sich diese Preisexplosionen und Investitionen erklären?

(…)

 

Die aktuelle Lage der Kunst außerhalb der westlichen Welt

Der Begriff des Relativismus, der eine solch herausragende Rolle im Denken dieses Jahrhunderts spielt, hat im Bereich der bildenden Kunst bislang keinen Fuß gefasst. Die Replik darauf ist wohl bekannt: Unsere westlichen Künstler haben sehr wohl ein Verständnis von den Qualitäten der sogenannten „primitiven“ Kunst und machten in der ersten Hälfte des Jahrhunderts guten Gebrauch davon. Seitdem sind unsere gesellschaftlichen Strukturen der Dritten Welt derartig aufgezwungen worden, dass sie alles zerstört oder zumindest degradiert haben. Vor lauter Betroffenheitsbekundungen darüber haben wir es versäumt, genau hinzuschauen, um zu entdecken, was dort wirklich passiert.

Zu hastig hat man die Ideen Hegels über das allmähliche Verschwinden der traditionellen Religionen und der damit einhergehende Tod der Kunst auf nichtwestliche Kulturen übertragen. Andererseits soll unser evolutionärer Kunstbegriff mit künstlerischen Praktiken, die auf Traditionen und der Wiederholung von Mustern basieren, inkompatibel sein. Diese Behauptung muss differenziert werden. Abgesehen davon, dass das Streben nach Neuheit und das Erfinden zu unserer Tradition gehören, muss man sich heute von einem Verständnis der Kunstgeschichte distanzieren, das sich allein an Brüchen orientiert. War der berühmte Bruch Cézannes, zum Beispiel, wirklich in dem Maße bedeutend, wie stets behauptet? Man kann die Kunstgeschichte genauso gut als eine der Dauerhaftigkeit betrachten – nicht als eine lineare Kontinuität, aber als eine Reihe von Rückgriffen auf verschüttete Traditionen, als das Wiedererscheinen von symbolischen Zeichen und Werten, die der Geschichte der Menschheit gehören und nicht zwangsläufig der Kunstgeschichte.

Die Voraussetzungen sind unterschiedlich, die Kontexte auch, aber wenn man die großen kulturellen Erzählungen beiseitelässt und nach dem schöpferischen Akt des Künstlers als Individuum fragt, ist die Kluft vielleicht gar nicht so weit. Auf dieser Ebene gibt es möglicherweise gemeinsame Nenner: die Motivationen, die ein Individuum zum Schaffen bewegen und die formalen Entscheidungen, anhand derer er seine Freiheit ausübt. Sobald der Künstler einer Idee Form gibt, verblassen die Unterschiede zwischen dem Respekt für die Tradition und der Lust an Innovation. Ein Thangkamaler aus Nepal oder Tibet setzt seinen ganzen Glauben in sein Werk. Seine eigenen religiösen Überzeugungen oder seine Interpretationen der Glaubenssätze können ihn dazu verleiten, die vorgegebenen Muster zu modifizieren. Es kann also eine Entwicklung geben, auch wenn sie sehr langsam ist. Ein westlicher Künstler, der seit 20 Jahren die gleiche Form malt, macht dagegen nichts anderes, als das von ihm selbst festgelegte Muster zu wiederholen.

 

Der Kunsthistoriker Jean-Hubert Martin war Direktor der Kunsthalle Bern, des Musée national d’art moderne im Centre Pompidou, des Musée national des arts d’Afrique et d’Océanie in Paris und des Museums Kunstpalast in Düsseldorf, sowie künstlerischer Direktor des Château d’Oiron und des Padiglione d’Arte Contemporanea in Mailand. Sein Interesse an nicht-westlichen Kulturen führte zur Konzeption von Ausstellungen, die Grenzen überwinden, indem sie heterogene Arbeiten miteinander konfrontieren und so den Blick auf sie erneuern (Magiciens de la terre, Centre Pompidou, Paris, 1989, Artempo, Museo Fortuny, Venedig, 2007 und Theater Of The World, MONA, Hobart, 2012). Er kuratierte oder beteiligte sich kuratorisch an vielen Biennalen (Sydney, São Paulo, Lyon, Moskau, Venedig) und großangelegte Ausstellungen: Paris – Berlin (1978), Paris – Moskau (1979), Une image peut en cacher une autre (2009), Dalí (2012).

Aus dem Englischen: Millay Hyatt

Der gesamte Text ist erschienen in: Lucy Steeds et al., Making Art Global (Part 2): ‚Magiciens de la Terre‘ 1989, London: Afterall Books in association with the Academy of Fine Arts Vienna, the Center for Curatorial Studies, Bard College and Van Abbemuseum, 2013, S. 216–22.

 

 

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