Kader Attia

Heilen ohne zu vergessen

Das MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt zeigt die umfassende Einzelausstellung Sacrifice and Harmony des Künstlers Kader Attia.

Kader Attia, J'Accuse, 2016 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy of Kader Attia and Galerie Nagel Draxler, Photo: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

By Julia Friedel
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Der Gang ist niedrig, beklemmend. Die Besucher schieben sich unsicher und langsam durch den meterlangen Gitterkorridor, der mit Abfall und Elektronikschrott bedeckt ist. Schon das Auftaktwerk zur Ausstellung vermittelt ein Gefühl von Unbehagen. Los de arriba y los de abajo, wie Kader Attia die mit Zeitungsausschnitten ergänzte Arbeit nennt, handelt von „denen oben und denen unten“, von einer horizontalen Festung der Unterdrückung: In Hebron, im Westjordanland, regnet der Müll jüdischer Bewohner regelmäßig auf die Geschäfte und Wohnungen der Palästinenser, die unter ihnen wohnen. Anstatt sich durch diese Erniedrigung aus der Gegend vertreiben zu lassen, versuchen sich die Palästinenser mit solchen Maschendrahtkonstruktionen vor dem schlimmsten Unrat zu schützen.

Gleich zu Beginn der Ausstellung macht Kader Attia deutlich, dass er mit seiner Schau Stellung bezieht und auch vor einem politischen Standpunkt nicht zurückschreckt. Los de arriba y los de abajo zeigt, wie sich Diskriminierung im sozialen Raum sichtbar niederschlägt, beispielsweise in der Architektur. Das Prinzip erinnert an städtebauliche Maßnahmen des südafrikanischen Apartheidsregimes, das seine Ideologie der Rassentrennung buchstäblich in das Stadtbild von Johannesburg oder Kapstadt einzementierte. Es sind nicht nur die Relikte konkreter Machtsymbole, die Orte bis in die Gegenwart prägen, sondern – und das ist das Erschreckende – es entstehen immer wieder neue Symbole, so wie in Hebron. Kader Attias Arbeit demonstriert, wie diese kolonialen Strukturen und Praktiken fortwirken.

 

Kader Attia, Los de Arriba y Los de Abajo, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy of Kader Attia, Lehman Maupin and Galerie Nagel Draxler, Photo: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Kader Attia, Los de Arriba y Los de Abajo, 2015 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy of Kader Attia, Lehman Maupin and Galerie Nagel Draxler, Photo: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Kader Attia, der spätestens mit seiner gewaltigen Installation auf der documenta 13 internationale Bekanntheit erlangte, zeigt auch im MMK Frankfurt eine schwerverdauliche Schau. Sacrifice and Harmony setzt sich mit Mechanismen von Diskriminierung und Unterdrückung auseinander, die in der Vergangenheit ebenso wie heute vor allem für die Hegemonie der sogenannten westlichen Länder stehen. Das Prinzip der „Reparatur“ ist dabei ein wiederkehrendes Motiv seiner Arbeiten: In unserer Geschichte und Gegenwart gibt es viele Ereignisse, die – wie der Konflikt in Israel, aber auch der Kolonialismus oder die Weltkriege –, Wunden und Traumata verursacht haben, die es nach Kader Attia zu reparieren gilt.

„Wunden“ und „Reparatur“, das sind die beiden zentralen Themen der Ausstellung. Die Videoinstallation Reason’s Oxymorons geht der Heilung dieser Traumata nach. In sechs Interviews spricht der Künstler mit PsychoanalytikerInnen, PhilosophInnen, Geistlichen und HeilerInnen unterschiedlicher Kulturkreise über Ereignisse wie den Genozid in Ruanda oder den Zweiten Weltkrieg: Es geht um Traumata, die sich über Generationen einschreiben und selbst bei unbeteiligten Nachkommen Ängste auslösen. Die Befragten stellen dabei ihre unterschiedlichen Konzepte von Subjektivität, Unterbewusstsein und Selbst vor. Sie bringen zum Ausdruck, wie heterogen die Vorstellungen von der menschlichen Psyche und die Methoden, sie zu ergründen, sind – und dass es ganz unterschiedliche Ansätze gibt, Verletzungen der Seele zu behandeln.

Kader Attia, Repair Analysis, 2013 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto/photo: Axel Schneider

Kader Attia, Repair Analysis, 2013 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Foto/photo: Axel Schneider

Auch anhand von Objekten erklärt uns Kader Attia das vielfältige Verständnis von Reparatur. Die Art und Weise, wie repariert wird, gebe Aufschluss über den Umgang mit der eigenen Geschichte. Der Künstler beschreibt, wie in manchen Kulturen die Naht, der Flicken, zum zentralen Merkmal eines Objektes wird: „You cannot think and separate the injury from the repair.“ Die Verletzung gehört zur Geschichte dazu, sie ist Erinnerung und unübersehbar in den Gegenstand eingeschrieben.

Den westlichen Ländern schreibt er dagegen eine Ideologie der Makellosigkeit zu. Wenn überhaupt repariert werde, sei es das Ziel, keine sichtbaren Narben zu hinterlassen und den Originalzustand wiederherzustellen. Tatsächlich legen wir in unserem Alltag kaum selbst Hand an, sondern lassen reparieren oder kaufen gleich neu, um so unseren Wohlstand zu demonstrieren. Auf die seelischen Wunden übertragen, bedeutet das die vollkommene Verdrängung. Anstatt sich mit den unschönen Bildern der Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist es üblich, sie zu verschweigen. Die nie bezahlten Reparationen für die Spätfolgen des Vietnamkriegs etwa, oder für den Völkermord an den Herero durch die deutsche Kolonialmacht in Namibia sind Beispiele für die unzureichende Aufarbeitung der eigenen Geschichte. Allerdings scheint die Verdrängung weniger ein westliches Prinzip als ein Mechanismus der Täter zu sein, die die Wunden verursacht haben.

Kader Attia, J'Accuse, 2016 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy of Kader Attia and Galerie Nagel Draxler, Photo: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Kader Attia, J’Accuse, 2016 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy of Kader Attia and Galerie Nagel Draxler, Photo: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Von unverheilten Wunden sprechen auch Kader Attias monumentale Holzbüsten, die schon in der Installation The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures auf der documenta 2012 in Kassel zu sehen waren. Senegalesische Holzschnitzer fertigten die entstellten Gesichter nach Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg an, die Soldaten mit schwersten Gesichtsverletzungen nach der plastischen Chirurgie zeigten. Dem einen fehlen die Wange und ein Teil der Nase, andere haben tiefe Narben. Attia nennt diese aufwühlende Installation J’Accuse, und die 18 Skulpturen blicken zur gegenüberliegenden Seite des Raums, wo ein Ausschnitt des gleichnamigen Stummfilms gezeigt wird. Mit diesem Werk ließ der französische Filmemacher Abel Gance 1938 die durch den Krieg verstümmelten Soldaten wiederauferstehen –  zur mahnenden Erinnerung. Wie uns die Geschichte zeigt, waren die grausamen Bilder nicht abschreckend genug.

Kader Attia, Chaos + Repair = Universe, 2014 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy of Kader Attia and Galeria Continua, Photo: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Kader Attia, Chaos + Repair = Universe, 2014 © VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Courtesy of Kader Attia and Galeria Continua, Photo: MMK Museum für Moderne Kunst / Axel Schneider

Ausgelöst wurde Kader Attias kritische Auseinandersetzung mit der „Wunde“ und ihrer „Reparatur“ unter anderem durch die Betrachtung ethnologischer Objekte, die aufgrund ihrer Beschädigung in Museumssammlungen häufig als minderwertig galten. Dass eben diese Narben und Wunden keine zu kaschierenden Makel, sondern wichtige Zeugnisse sind, durch die erst eine relevante Auseinandersetzung mit Geschichte möglich ist, zeigen alle Arbeiten Kader Attias sehr eindrucksvoll. Das Werk Chaos + Repair = Universe demonstriert schließlich, wie unsere globale Welt aussehen müsste, würden die Verletzungen nicht größtenteils ausradiert, verhüllt und unterschlagen. Wie alle anderen Arbeiten in der Ausstellung, verbirgt es die Kratzer, Schmerzen und traumatischen Erlebnisse nicht. Die Weltkugel ist vielmehr grob zusammengeflickt und geradezu von Stichen übersät. Jedoch, und das ist der gewichtige Kern von Sacrifice and Harmony, hält die Naht zusammen, was sonst in all seine Einzelteile zerfallen würde. Sie mag nicht behaglich sein, diese Narbe, aber bedeutend.

Die Ausstellung Kader Attia. Sacrifice and Harmony ist bis zum 14. August 2016 im MMK Museum für Moderne Kunst, Domstraße 10, in Frankfurt am Main zu sehen.

 

 

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