Venedig Biennale 2015

„In unserer Strategie geht es vor allem um einen Dialog der Generationen”

C& im Gespräch mit Rita GT, der in Luanda lebenden Künstlerin und Kuratorin des Angolanischen Pavillons auf der

RitaGT, Fall. Action No. 1, Luanda, 2014, photograph and diapositive, performance for photograph. Courtesy of the artist

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C&: Im diesjährigen Angolanischen Pavillon werden Arbeiten von António Ole (geb. 1951 in Luanda), Binelde Hyrcan (geb. 1938 in Luanda), Délio Jasse (geb. 1980 in Luanda), Francisco Vidal (geb. 1978 in Lissabon), und Nelo Teixeira (geb. 1975 in Luanda) gezeigt. Wie sehen Sie Ihre Rolle als Künstlerin und Kuratorin?

RitaGT: Ich verstehe mich eher als Aktivistin und Künstlerin. Ohne ein Team wäre ich nicht in der Lage voranzukommen. Am meisten aber interessiert mich Kunst als Mittel zur Förderung des kritischen Denkens.

 

António Ole, Cenário Urbano, 2015, © António Ole

António Ole, Cenário Urbano, 2015, © António Ole

C&: Der Angolanische Pavillon, in dem das fotografische Werk von Edson Chagas gezeigt wurden, wurde auf der Biennale von Venedig 2013 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Welchen Einfluss hat das auf ihre Arbeit auf der diesjährigen Biennale?

RGT: Ich hatte das Privileg, bei der letzten Ausgabe in Venedig dabei zu sein, und eng mit dem Team von Edson Chagas, Paula Nascimento und Stefano Pansera zusammenzuarbeiten. Ihr Einsatz und ihr Teamwork sind eine große Inspiration. Unsere Erfahrung mit der letzten Biennale hat das Team der diesjährigen Ausgabe gestärkt und den Anspruch an die Qualität des zu entwickelnden Projekts weiter erhöht. Das angolanische Kulturministerium hat sich sehr für die Teilnahme an der Biennale eingesetzt, denn es ist davon überzeugt, dass derartige Initiativen nachhaltige Auswirkungen auf das Land und auf die Internationalisierung seiner zeitgenössischen Kunst haben.

Binelde Hyrcan, L’Orgie, 2015, © Binelde Hyrcan

Binelde Hyrcan, L’Orgie, 2015, © Binelde Hyrcan

C&: Können Sie uns etwas mehr über das Konzept hinter dem diesjährigen Angolanischen Pavillon erzählen?

RTG: Der Kurator und Künstler António Ole formulierte es so: „In unserer Strategie geht es eigentlich um den Dialog der Generationen. Ich habe schon früher mit diesen Künstlern zusammen gearbeitet, wir haben vieles gemeinsam und ich bin fest davon überzeugt, dass diese jungen Künstlerinnen und Künstler eine treibende Kraft in der Erneuerung der zeitgenössischen angolanischen Kunst sein werden. Es wird unweigerlich in den Händen der Generation nach der Unabhängigkeit, der Generation der Ruptur, liegen,  die Zukunft zu gestalten: in der Auseinandersetzung mit den Anliegen der KünstlerInnen, mittels formaler Recherchen, multidisziplinärer Ansätze und der Nutzung der Möglichkeiten, die die Techniken und Hilfsmittel der heutigen Zeit bieten. Aus dem Interesse an dieser Bewegung ergibt sich die Notwendigkeit, ein Erbe weiter zu geben. Dabei geht es nicht nur um ein künstlerisches Vermächtnis, sondern um ein Erbe, das auch viele andere Lebenswege betrifft.”

On Ways of Traveling verweist zum einen auf die Geschichte der kulturellen Fusionen zwischen den verschiedenen Kontinenten, die sich seit mehr als 500 Jahren vollziehen, und zum anderen auf die wichtige soziale und kulturelle Rolle, die die mündliche Weitergabe von Wissen in Angola auch heute noch spielt. Die ältesten Menschen, die „Meisterinnen und Meister” tragen die Verantwortung dafür, dass ihr Vermächtnis an die Jüngsten weitergegeben wird.

Délio Jasse, Ausência Permanente, 2014, © Délio Jasse

Délio Jasse, Ausência Permanente, 2014, © Délio Jasse

Francisco Vidal, U.topia Luanda series, 2015, © Bruno Lopes

Francisco Vidal, U.topia Luanda series, 2015, © Bruno Lopes

C&: Junge, vielversprechende KünstlerInnen haben eine sehr lebendige Präsenz in Angola, insbesondere in Luanda. Inwiefern spiegelt sich das in Ihrem Projekt für Venedig, Ihrer laufenden Arbeit, und in Ihren künstlerischen Kooperationen?

RTG: Die derzeit stärkste künstlerische Bewegung ging tatsächlich aus der ersten Triennale von Luanda im Jahre 2006 hervor. Sie war auch einer der Gründe, die mich dazu bewegten, nach Luanda zu ziehen. Angola hatte immer eine sehr starke kulturelle Produktion, die jedoch während des Krieges leider zurückgegangen war. Heute gibt es eine unübersehbare Produktionslücke im kulturellen Bereich, vor allem in den bildenden Künsten. Gleichzeitig aber hat eben diese  Kluft meiner Ansicht nach die aktuell interessantesten künstlerischen Ausdrucksformen sowohl in der zeitgenössischen Kunst und Musik als auch im zeitgenössischen Tanz erst hervorgebracht. Infolgedessen kann man in Luanda zurzeit verschiedene Phasen oder Typen von kultureller Produktion (insbesondere in der zeitgenössischen Kunst und Performance) beobachten, die transversale Sprachen verwenden, ohne sich von der Geschichte der angolanischen Kunst und anderen Ausdrucksformen zu distanzieren.

Viele aus der jungen angolanischen Generation sind im Ausland aufgewachsen, nach dem Krieg kehrten jedoch viele von ihnen zurück, um zu helfen, das Land wieder aufzubauen und brachten neue Ideen und frische Energie mit.  Dieser Tage gibt es viel zu besprechen in Angola, viele Gefühle, Ideen und Gedanken miteinander zu teilen, besonders, weil sich das Land im Minutentakt verändert.

C&: Welche Auswirkungen hatte der Goldene Löwe von Venedig auf die angolanische Kunstszene und den Kunstmarkt?

RTG: Es gibt viel zu tun. Angola verfügt momentan noch über keine etablierten Mechanismen für die Kulturproduktion, dahingehende Initiativen sind daher sehr wichtig. Künstler, Architektinnen, Kuratoren, Intellektuelle, Aktivistinnen und die Regierung sind im Wesentlichen dafür verantwortlich, die Veränderungen, die im Land geschehen, insbesondere jene, die den kulturellen Bereich betreffen, zu unterstützen.

Die Kunstakademie hat ihre Arbeit gerade erst aufgenommen und Kunstmaterialien sind nur begrenzt verfügbar, entsprechend hoch sind die Produktionskosten. Unbedingt aber muss ein seriöser Kunstmarkt mit realistischen Preisen und professionellen Sammlern etabliert werden, die Kunst und Kultur als leistungsstarke Investitionen verstehen.

Darüber hinaus gilt es, einen künstlerischen Diskurs und eine Kunstdebatte zwischen den verschiedenen Akteuren im Kulturbereich in Gang zu bringen. Ich glaube, das Kulturinvestment ist die globale Zukunft. Wissen, Kultur und Kunst sind zweifelsohne die interessantesten und validesten Subkulturen einer jeden Gesellschaft auf jedem Kontinent.

Der Angolanische Pavilion bei der 56th International Art Exhibition La Biennale di Venezia eröffnet am 5. Mai um 17.00 Uhr im Palazzo Pisani, Conservatorio di Musica, San Marco 2810, 30124 Venice.

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Ein Gespräch von Aïcha Diallo

 

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